„Und ich habe noch nie bei meinen Eltern gelebt!“, sagt die Schülerin, die seit gestern in meiner Klasse ist. Seit gestern stimmt nicht ganz, denn nach dem Erstgespräch mit ihr wurde die Beschulung für den Tag ausgesetzt. Die Schülerin mit der kurzen Zündschnur, wenn man überhaupt von einer sprechen kann. So eine tiefe Verunsicherung steckt in dem 13jährigen Mädchen, dass sie in ihrem Umfeld lieber auf körperlichen und psychischen Angriff geht, als sich auf Vertrauen einzulassen. Denn so kann man nicht verletzt werden. Denkt sie.

Was dieses Mädchen zu diesem besonderen Mädchen macht, das ist ihre traurige Vergangenheit. Als ich sie im Erstgespräch fragte, wo sie zuletzt in die Schule ging, war das schon eine Frage zuviel. Ich vermute, dass ich damit unbeabsichtigt einen Flashback auslöste, der ihr vor Augen führte, dass sie nie irgendwo länger Zuhause oder in der Schule war als 1 Jahr. Immer wieder Wechsel, neue Vertrauenspersonen, derer sie sich mittlerweile eben nicht mehr anvertraut und noch mehr Schulen oder besser gesagt Schulversuche. Aus 20 Pflegefamilien wurde sie wieder heraus genommen. Teilweise wurde sie dort geschlagen oder vernachlässigt. Was für eine Basis hat dieses Mädchen? Hauptthema in ihrem Leben sind Drogen. Von denen versucht sie nun los zu kommen. Oder besser gesagt: sie muss davon los kommen.

„Wenn Sie mich morgen mit in den Unterricht nehmen, können Sie ja sehen, was ich mit Ihnen mache.“ Mit diesen Worten verabschiedete sie mich gestern in  den Feierabend. Und machte mich nachdenklich.

Heute dann bekam sie von mir die Chance, mit in den Unterricht zu gehen. Absprache waren 45 Minuten mit der Option abzubrechen, wenn sie sich unwohl fühlt. Zusammen mit ihren andere 3 MitschülerInnen versuchte sie, in den Schultag zu starten. Und es gelang. Es gelang ihr und vor allem mir. Mit dem Wissen um ihrer kurze Geduld, ihr geringes Selbstvertrauen und ihre Bereitschaft, auch körperlich gegen andere anzugehen, wählte ich Unterrichtsstoff aus, der für sie leicht zu erledigen war. Und zugleich dann doch wieder nicht zu einfach, denn das hätte sie mir schwer übel genommen. Sie sah, wie ihre Mitschülerinnen sich auf den Unterricht einliessen und jede für sich arbeitete. Konzentriert, mit Freude und Lernerfolgen. Tatsächlich konnte sie genau diese Stimmung auffangen und auch für sich einsetzen. Das war sehr anstrengend für sie. Ab und zu blitzte es aus ihren Augen rüber zu mir. Aber sie schaffte es. Und zwar nicht nur 45 Minuten sondern ganze 90. „Für was stehe ich denn um 7 Uhr auf, wenn ich nach 45 Minuten wieder aus der Schule muss?!“

Es ist für Aussenstehende sicher schwer nachzuvollziehen, wie schwierig heute dieser kleine Weg in die Schule und zurück für diese Schülerin war. Es war sogar sehr schwierig. Ich ziehe den Hut vor so jungen Menschen, die sich entgegen all ihrer eigenen Erwartungen Aufgaben stellen, dessen Ausgang sie nicht kennen. Und das wiederum macht mich demütig. Zeigt mir immer wieder, wie hart jungen Menschen kämpfen, um aus ihrer Misere zu kommen. Und sei es nur für 90 Minuten am Unterricht teil zu nehmen. Was für eine Ressource!

Und morgen probieren wir es wieder. Ich bin gespannt.