Und 43 Gedankenkisten wurden gepackt. Wurden von 43 Personen in ganz Deutschland gepackt für Jugendliche, die es an diesem Weihnachten besonders haben sollen. Diese Jugendlichen wohnen nicht Zuhause bei den Eltern, sie sind vielleicht aus einem anderen Land geflohen oder mussten aus den Familien heraus genommen werden, weil es dort einfach nicht mehr ging.

Diese 43 Jugendlichen werden an diesem Weihnachten von wunderbaren Menschen bedacht, die dem Aufruf von @MadameDatam gefolgt sind und sich in den letzten Wochen daran machten, 43 Kisten voll guter Gedanken und liebenswürdiger Aufmerksamkeiten zu packen und auf den Weg zu schicken. An jeder einzelnen Kiste, die uns als Paket in einer Postfiliale erreichten, konnte man allein von aussen erkennen, welch guter Wille und wie viele guten Wünsche damit an die Jugendlichen gerichtet werden sollen. In der Poststelle waren wir schon bekannt als die Paketabholerinnen mit eigenem Regal, so viele Exemplare wurden uns zugesandt. Bei jeder Abholung war die Freude gross! Und die Spannung wuchs von Tag zu Tag, denn heute war es soweit: wir wollten die 43 Kisten in der Einrichtung vorbei bringen. Und haben es tatsächlich mit dem Fleiss und der Zuverlässigkeit der PackerInnen geschafft, jedem einzelnen Jugendlichen der Einrichtung an diesem Weihnachten ein eigenes Geschenk zu machen!

Angekommen in der Einrichtung für junge Menschen, die sowohl Flüchtlinge als auch Kinder aus unserer Gesellschaft ein neues Zuhause bietet, wurden wir freudig aufgeregt von einer Mitarbeiterin empfangen und ernteten neugierige Blicke und ein paar Fragen zu unserer Weihnachtskutsche, die voller bunter Geschenke war. Die Ansprechpartnerin vor Ort versicherte uns mehrfach, wie sehr diese Aktion den Menschen in diesem Haus gut tun werde und wie begeistert die MitarbeiterInnen von all dem Engagement der PackerInnen sind.

Alle Kisten schliesslich nach Nummern sortiert und auf dem Konferenztisch verteilt, wurde es uns allen warm ums Herz und Weihnachten war plötzlich schon da! Als eine junge Bewohnerin mit einem Fotoapparat den Raum betrat und uns das Leuchten in ihren Augen entgegenstrahlte, war das das grösste Geschenk, das wir als Überbringerinnen bekommen konnten. Dafür hat sich der Aufruf, die Aktion, jede einzelne Mühe der SchenkerInnen gelohnt. “In Geduld bin ich doch so schlecht! Kann ich es jetzt nicht schon bekommen?”sagte das junge Mädchen und schoss dabei Fotos des Gabentisches.

Der Einrichtungsleiter kam dazu und berichtete uns, dass dieses Haus seit 30 Jahren bestehe und dieses Jahr zum ersten Mal tatsächlich jeder Bewohner und jede Bewohnerin ein eigenes Geschenkpäckchen unter dem Baum liegen haben wird. Das sei so noch nie vorgekommen und dafür danke er allen von Herzen, die daran beteiligt sind! Über die akute und so schwierige Situation der jungen Flüchtlinge erzählte er uns, die allen Einrichtungen momentan tagtäglich begegnen. Überbelegungen und Sprachbarrieren, aber immer mit Aufmerksamkeit und dem guten Willen, den Menschen ein neues Zuhause bieten zu können. Viele der jungen Flüchtlinge wüssten gar nicht, wo sie seien, oder was auf sie zukommen wird – es brauche oft eine Weile, bis sie realisierten, dass ein neues Leben für sie angefangen hat.

Wir möchten uns an dieser Stelle von Herzen bedanken: das gegenseitige Vertrauen, die Zuverlässigkeit und all die guten Herzen haben es möglich gemacht, dass in 2 Tagen der Weihnachtsabend für 43 Jugendliche ein schöner wird. Wir sind überwältigt von der Bereitschaft, an unserer Aktion teil zu nehmen, von den vielen Gedanken, die sich um das Bestücken der Kisten drehten und auch der Zeit, die die SchenkerInnen dafür aufbrachten. Nicht zuletzt war es eine Herausforderung an alle, lediglich anhand von Alter, Geschlecht und 1 oder 2 Hobbyangaben eine passende Kiste zu packen! Wir sind begeistert von der Pünktlichkeit, die von allen eingehalten wurde. Wir freuen uns über die Spenden derer, die keine Zeit zum Packen hatten, aber das Packen in Auftrag gaben. Wir freuen uns über das Vertrauen, dass uns entgegen gebracht wurde und die Anteilnahme am Prozess bis zur heutigen Übergabe der Gedankenkisten. Ihr alle habt jemandem eine Freude gemacht! Vielen Dank!

Nun sind die Kisten abgegeben. Unsere Aktion hat hier ihr Ende gefunden. Vielleicht bekommen wir noch nach Weihnachten aus der Einrichtung eine Rückmeldung? Wir lassen es Euch wissen.

Und vielleicht machen wir so was ja noch einmal. Nächstes Jahr?

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Und 43 Gedankenkisten brauchen wir. Kisten gepackt und gespickt mit guten Gedanken und Dingen, die einem jungen Menschen das Leben schöner machen. Wenn auch nur für einen Abend. Wenn auch nur für einen Moment. Diese Kisten sollen den Weihnachtsabend Jenen versüßen, die es in diesem Jahr und in diesem Leben schwer getroffen hat: sie sind alleine, ohne Familie temporär oder für immer. Und sie sind weit weg von dem, was sie als Heimat kennen.

@MadameDatam und ich möchten jungen Menschen, die unter schlimmen Bedingungen und über holprige Wege fliehen mussten von Zuhause, zeigen, dass wir an sie denken und dass wir sie willkommen heißen. Willkommen bei uns und willkommen in ihrem neuen Leben in einer fremden Umgebung. Den Mut und die Hoffnung, den sie aufbringen mussten und der sie am Leben hält, darin bestärken, dass wir los ziehen für sie und ihnen mit einer kleinen Kiste Freude schenken möchten. Beruflich treffen wir das ganze Jahr über auf einige Einrichtungen, die  dringend diese Form der Aufmerksamkeit bedürfen. Wir entschieden uns dieses Jahr für das Kinderheim, in dem Flüchtlingskinder und -jugendliche zusammen mit Kindern und Jugendlichen aus unserer Gesellschaft leben, die wiederum auch nicht mehr in ihren Familien sind. Der Kontakt zu der Einrichtung ist persönlich hergestellt und die Freude über unsere Idee dort schon sehr groß.

Weil 43 Kinder und Jugendliche in dieser Einrichtung und ohne Eltern leben, benötigen wir 43 Gedankenkisten.

Wir wünschen uns sehr, dass wir so viele Menschen ermuntern können, an diesem Weihnachten und an unserer kleinen und spontanen Aktion teil zu nehmen. Den Wert der Kiste halten @MadameDatam und ich mit 15€ für angemessen. Er sollte nicht weit darüber und nicht weit darunter liegen, sodass wir ein mögliches Gefälle unter den Jugendlichen vermeiden können. Vielleicht ist ja auch etwas selbst Hergestelltes dabei?

Unter der Adresse: 43gedankenkisten@gmail.com könnt Ihr uns mitteilen, dass Ihr ein Teil dieser großen Gedankenkiste sein möchtet. Zu den Jugendlichen folgen dann in einer persönlichen Email an Euch weitere Angaben wie Geschlecht, Alter und vielleicht auch Interessen.

Die Kisten werden @MadameDatam und ich dann an die Mitarbeiterin des Kinderheims persönlich überreichen.

Falls Ihr schon Glückliche habt, die Ihr beschenken möchtet, wäre es auch eine gute Sache, wenn FreundInnen, Bekannte, Familie oder FollowerInnen durch Euch von unserem Anliegen erfahren. Nur so kann es klappen, dass am Ende 43 Menschen am Weihnachtsabend ihre eigene Gedankenkiste auspacken und sich darüber freuen können, dass sie, wenn auch aus der Ferne und unbekannt, beachtet und geschätzt werden.

Weihnachten weit weg von Zuhause, aber mit vielen, guten Gedanken.

 

 

Und Courage ist schwierig. Sie entblößt, macht offenbar, wirkt oppositionell, macht angreif- und verwundbar. Courage verursacht Herzklopfen, das das Sprechen und Handeln stumm schaltet. Deshalb ist sie so selten. Deshalb wird wenig darüber geredet und deshalb bleiben Situationen und Erlebnisse ungerecht.

Ungerecht behandelt wurde heute der Mann fortgeschrittenen Alters, der heute an einem kühlen und verregneten Tag seinen Pullover auszog und seine Hosen herunter. Er machte das, um sich waschen zu können. An einem Brunnen mitten in der Innenstadt. Begleitet von vielen Blicken verwunderter Passanten und sorgenvollen Gesprächen hinter vorgehaltener Hand. Niemand erboste sich, niemand sprach ihn an.
Jemand aber zückte sein Handy. Aus sicherer Entfernung und mit hämischem Lachen. Seine Freundin telefonierend und feixend. Hätte sie ihre Hände frei gehabt, hätten diese wohl die Schenkel geklopft und auf den Mann gezeigt. Er wurde von dem Pärchen gefilmt. Er wurde nicht gefragt. Und ich bin mir sicher, dass er genutzt wurde, um für Likes, für Anerkennung, für Lacher zu sorgen.
Das ist so falsch und schreit mit seinem gellenden Zeigefinger zum Himmel.

Von mir angesprochen auf die Tatsache, dass sie dabei seien, einen fremden Menschen zu filmen und ihn zu verspotten, begegnete mir der gepflegte, junge Mann mit Schulterzucken und einem “Ist mir doch egal. Ist doch lustig.” Er hielt weiter seine Handykamera auf den hilfsbedürftigen Menschen. Seine adrette Freundin telefonierte weiter. Bis ich mich ins Bild stellte und meinem Ärger Luft machte. Hinweisend auf die eh schon erbärmliche Situation, appellierend an ihr Gewissen und mit der Bitte, daran zu denken, dass jeder Mensch in solch eine Lage geraten könne.
“Geh weiter! (… nee, ich meine nicht Dich. Hier steht so eine komische Frau vor uns…)”. Und ich ging weiter. Ein kleines Stück nur, bis ich mich umdrehte und sah, dass ich nicht alleine war. Ein Passant meines Alters sprach nun auch mit dem Paar und wies sie auf die Problematik hin. Gestik und Mimik zeigten deutlich sein Missfallen. Der junge Mann steckte das Handy weg. Was schließlich mit dem Material gemacht wird, das weiß ich nicht und kann ich nicht weiter beeinflussen. Das kann ich mir nur wünschen.

Und was tat die Courage dabei? Sie tat, was oben beschrieben. War zunächst unangenehm und bohrte. Mit Abstand und einem Pseudonym hinter einem Bildschirm auf einer Plattform als mahnender Kommentar wäre sie einfacher zum Einsatz gekommen. Physische Courage von Angesicht zu Angesicht bedarf körperlicher Anstrengung, das wurde mir wieder klar.
Sie tat aber auch Gutes: sie regte zum Nachdenken an, forderte unbewusst andere zum Mithandeln auf und hinterließ einen Abdruck. Wenn auch nur einen kleinen, der nur ein erster sein soll. Ein erster Abdruck, der den Weg weisen soll hin zu einem verantwortungsvollem Umgang miteinander. Wertschätzend und berücksichtigend. Immer reflektierend. Das wird ein langer Weg, ein schwieriger Weg bis dahin.
So schwierig wie Courage sich vorher anfühlt und nachher ein beruhigendes Gefühl ausbreitet. Wenn man mal couragiert gehandelt hat, wächst Mut.

Und der gibt alles, damit Courage normal sein kann und Häme komisch.

Und wo Inklusion auch hin muss, das wird erst langsam klar. Inklusion wird vielfach diskutiert, es wird darüber debattiert in Politik und Wissenschaft, in Schulen und in Professionen, die sich damit auseinandersetzen dürfen. Es geht dabei viel hin und her, es scheint, als ob Inklusion noch ein ganz weites Stück entfernt ist von dem, was sie einmal bewirken soll: zusammen sein, zusammen arbeiten, zusammen lernen, zusammen einkaufen, zusammen an der Ampel stehen, zusammen in der Warteschlange stehen, zusammen im Restaurant sitzen, zusammen im selben Viertel wohnen, es zusammen schaffen.

Damit das klappen kann, ist es wichtig, dass die Basis stimmt. Und die Basis sind so wie in vielen Fällen: wir.
Wir sind dafür verantwortlich, wie die ersten Schritte gemeinsam mit der Inklusion gegangen werden. Das bin ich, das bist Du, das ist der Nachbar, mit Gehhilfe, das ist das Kind mit geistiger Behinderung, das ist der junge Mann im Rollstuhl, das ist die Frau mit Sehbehinderung, das sind die alten Menschen. Wir sollten das Gemeinsame jetzt schon angehen und nicht erst darauf warten, bis sich Politik und Wissenschaft darauf geeinigt haben, finanziell und auf Basis rechtlicher Normen unsere Inklusion zu gestalten.
Wir haben jetzt schon die Möglichkeit, maßgeblichen Einfluss darauf zu nehmen, wie wir in Zukunft alle zusammen leben möchten.
Das fängt im Kleinen an: aufmerksames Hinsehen und Aufeinanderzugehen. Hilfe anbieten und Hilfe annehmen können. Ehrliche Worte austauschen, die das Gegenüber nicht verletzen. Partnerschaftliche Demokratie als Wegweiser für unser großes Vorhaben.

Vor kurzem war ich in einer Stadt im Bergischen und traf dort auf der Straße zufällig viele Menschen, mit denen ich zu Beginn der Jahrtausendwende Unterricht in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung machte. Wobei das Zufällige in dieser Stadt eigentlich Gesetz ist: in dem Ort gibt es viele Einrichtungen und Schulen und Werkstätten, die Platz bieten für Menschen mit Behinderungen. Der Ort hat sich gut eingerichtet, man lebt miteinander und erlebt zusammen den Alltag. Bankangestellte zum Beispiel stellen sich darauf ein, dass zur Monatsmitte hin sehr viele Menschen an den Schalter kommen und sich 10 Euro von ihrem Konto abheben lassen. Der Eismann kann Bestellungen von Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten sehr gut in Kugeln umsetzen. Ärzte verfügen über das entsprechende Vokabular, Menschen mit einfacherem Verständnis über ihre gesundheitliche Situation aufzuklären.
Das klingt alles wunderbar. Das ist es auch. Einziges Manko: das ist nicht in ganz Deutschland so. Überall dort, wo seit Jahren zentralisierte Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen Plätze gefunden haben, haben sich die Menschen damit auseinandergesetzt und es in eine passende Form gebracht. Mit viel Arbeit, mit vielen Diskussionen, mit Selbstreflektion und mit großer Ausdauer. Sicher gibt es das auch noch in optimierter Art und Weise. Wichtig ist, dass die Umsetzung der Inklusion eine Realität findet. Und zwar in jedem Ort und jedem Haus.

Warum ich gerade heute auf das Thema komme, hat folgenden Hintergrund: das Fernsehprogramm liefert in regelmäßigen Abständen Formate, in denen Menschen vorgeführt werden. Die unwissentlich Platzhalter für Komik und Skurrilität werden. Die Gründe für die Ausstrahlung solch mittelalterlicher Zurschaustellungen sind mir noch unbekannt. Vielleicht kann mich ja mal jemand darüber aufklären, welchen Mehrwert der Zuschauer oder die Zuschauerin zum Beispiel durch “Schwiegertochter gesucht” erfährt.
Ich halte diese Idee von Fernsehinhalten für destruktiv, was unser Vorhaben der Inklusion angeht. Genau genommen wird dabei das Gegenteil erzielt: Menschen, die sich anders verhalten, die anders aussehen, die sich anders kleiden, die anders sprechen, werden hier zu einem bunten und gern gesehenen Spielball unseres Voyeurismus. Der Abstand wird größer, die Kluft unüberwindbarer. Es ist kaum vorstellbar, dass Inklusion mittels solcher Sendungen überhaupt einmal stattfinden kann. Es wird über die Menschen in diesen Sendungen öffentlich gelacht, es wird mit dem Finger darauf gezeigt und sich auf die Schenkel geklopft. Fehler der anderen werden zur Lachnummer unseres sonntäglichen Fernsehabends. Wie sich die Protagonisten der Sendungen fühlen, wenn sie sich selbst dann im Fernsehen sehen, das fragt keiner. Das will auch sicher niemand wissen. Da wird es nämlich dann sehr unangenehm. Das passt nicht zu Salzstangen, Bier und Twitter.

Denken ist an diesem Punkt nicht schlecht: denkt an die zukünftigen Klassen Eurer Kinder. Denkt daran, dass wir zukünftig auf Elternabenden mit Eltern zu tun haben werden, die womöglich dem Format der RTL-Sendungen entsprungen sind. Denkt daran, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten müssen, wollen, dürfen. Dass unsere Kinder von der Schule nach Hause kommen und davon berichten, wie sich jemand außerordentlich benommen hat. Stellt Euch jetzt schon die Frage, wie Ihr damit umgehen wollt. Wie Euer Leben durch Inklusion eine Bereicherung und weniger ein Kampf mit Neuartigem werden kann.
Ich kann mir gut vorstellen und wünsche es mir umso mehr, dass sich das Selbstverständnis eines Zusammenzulebens umsetzen lässt.

Dazu brauche ich Eure Hilfe. Dazu braucht Inklusion genau Dich.

Und ab morgen bin ich in meinem Sabbatjahr. Ab morgen habe ich 1 Jahr lang keinen Unterricht zu gestalten. Ab morgen habe ich 1 Jahr lang Zeit, aus dem Beruf zu sein. 1 Jahr lang raus aus dem Umfeld, das mich in den vergangenen 5 Jahren so geprägt und beeindruckt hat. Raus aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und raus aus der Rolle der Lehrerin.

Ab morgen lege ich eine lange Pause ein. Eine Pause, die mir helfen soll, mich zu regenerieren, den Kopf grade zu rücken und wieder einen echten Blick dafür zu bekommen, was gesunde Kinder sind. Wie gesunde Jugendliche leben und was deren Alltag ausmacht. Ein Jahr, auf das ich mich seit 2 Jahren gefreut habe. Für das ich mich frei entschieden habe, als mir in Erinnerung kam: ‘Sorgen Sie für sich selbst.’

Je näher dieser vorerst letzteTag rückt, desto mehr denke ich über die letzten fünfeinhalb Jahre nach. Überlege, wem ich begegnet bin, welche Erlebnisse in meinem Klassenraum statt fanden, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen: Sprüche und Fröhlichkeiten, Ernsthaftigkeit und Tod, Lebenwollen und Aufgeben.

Wie groß meine Sorge zu Beginn war, in einer Kinder-und Jugendpsychiatrie als Lehrerin zu arbeiten, das ist mir noch nahe. Wie kann man denn Menschen unterrichten, die am schlimmsten Punkt ihres Lebens sind? Wie kann man einen Schultag gestalten auf der Intensivstation, die abgeschlossen, geschützt ist vor dem Rest der Welt? Kann ich dabei in Gefahr geraten? Beherrsche ich denn alle Unterrichtsinhalte, die Schülerinnen und Schüler aller Schulformen und Altersklassen in dem Moment lernen sollten? Und überhaupt: Mathematik?

Diese Sorgen konnte ich schnell vergessen. Dabei geholfen hat mir das Team der Intensivstation, das mir von Beginn an Vertrauen schenkte und vor allem viele offene Ohren. Das tat so gut. Nach dem Unterricht ins Stationszimmer gehen und das los werden, was stark auf die Seele drückte. Nachfragen und besonders bei Krankheitsbildern noch einmal ein genaues Bild bekommen und verschiedene Verhaltensweisen erklärbar machen. Dabei immer eine gute Portion Humor und eine große Anerkennung meiner Leistung als die Lehrerin ihrer Station. Ich bin sehr dankbar, dass ich in solch einem Team arbeiten darf.

Und all das, was mir begegnete und all das, was mich in den Schuljahren so sehr bewegte, bedurfte einer Kraft, die ich vorher von mir noch nicht kannte. Ich kann auch heute diese Kraft nicht genau benennen, sie setzt sich eher zusammen aus verschiedenen Sachen, die eine Art Tuch ergeben. Ein Tuch, das sich mir  in der Zeit als Lehrerin stützend und wärmend um meine Schultern legte. Wohlwollen, Fröhlichkeit, Lebensfreude und Verständnis, Zuwendung und Aufmerksamkeit, Ruhe und Klarheit, Strenge und Fairness. All das in einer Art partnerschaftlichen Demokratie im Klassenmiteinander. Verantwortung übernehmen und Verantwortung genau da überlassen, wo sich der Patient oder die Patientin imstande fühlt. Ein leises Zurückführen in den Alltag mit Hilfe von Lernerfolgen und Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

Mit diesem bunten Tuch an reichem Inhalt habe ich es geschafft, um die 900 Schülerinnen und Schüler kennen zu lernen, mit ihnen über kurz oder lang durch einen Schulalltag zu gehen, der ihnen Mut zum Weitermachen schenken konnte. Wie oft habe ich erlebt, dass sich ein Schüler dem Unterricht komplett entsagen wollte und sich selber nichts zutraute. Dann aber im Laufe der Zeit merkte, dass er sich Gutes tun kann und sich sogar über Leistungen freuen kann.

Ich erinnere den einen Schüler, der monatelang nicht sprach mit den Mitarbeitern der Station. Der sich runtergehungert hatte auf ein Drittel seines Normalgewichts. Der seine Spucke nicht schluckte und sie dafür im Mund sammelte, so dass er Hamsterbäckchen hatte. Mit dem Tag, an dem er zu mir in die Klasse kam, taute er ein wenig auf. Mein einziger Anspruch war, einen guten Schultag mit ihm zu erleben. Ich wollte nichts wissen von seiner Essstörung, seinem Mutismus und seiner eingeschränkten Gangart. Ich wollte mit ihm Schule machen. Und das klappte: er begann flüsternd mit mir zu reden, immer auf der Hut, seine Spucke nicht zu verlieren. Das klang sehr komisch und das sah noch komischer aus. Aber er sprach. Und er arbeitete mit. Auf seine Weise, recht eigen. Aber zielorientiert und mitunter mit einer Portion Humor. Meinen Namen weigerte er sich zu sagen bis zu dem Tag, als er einmal auf seinen Stuhl urinierte. ‘Frau Knixibix, ich habe gepinkelt.’

Und dann war da noch der Junge, der sich in meine Schnecke Charlotte verliebte.

Und das Mädchen, das sich auf der Station fast erfolgreich stranguliert hätte.

Der Junge, der plötzlich laut loslachte.

Meine Erfahrungen und Begegnungen von Schülern mit ADHS (oder auch nicht).

Junge Menschen, denen in der Psychiatrie auch dank des Internets der schönste Tag in ihrem Leben geschenkt wurde.

Wie gut es ist, wenn man Blinker setzen kann und in eine andere Richtung gehen kann.

Wie sehr mir Blümchen geholfen haben, den Unterricht zu einem guten zu machen.

Als mir selber Zuwendung in mehrfacher Hinsicht begegnete und mir das so gut tat bis heute.

Es gab Tage, da gruselte es mich selber.

Der afrikanische Kindersoldat, der mich fast sprachlos machte und Glück in die Klasse brachte.

Mut als Mittel der Wahl von jungen Menschen eingesetzt, den Lebenswillen wiederentdeckt.

Meine Bitte, die jeder kennen sollte.

Wie mir deutlich wurde: ich habe den besten Job der Welt. Ich lerne so viele Menschen kennen, die mir ihre Talente zeigen.

Und dass man einige Ansprüche an diesen Beruf gar nicht lernen kann.

 

 

An Tagen, an denen ich schwere Last oder beeindruckende Erlebnisse mit nach Hause nahm, da halfen mir Gespräche. Reden mit Familie und Freunden. Austausch und Loswerden der Dinge, die auf die Stimmung drücken können. Das tat gut und erleichterte mir den Blick für mein eigenes, schönes und gesundes Leben.

Was mir dabei noch half, das war das Bloggen. Über das zu schreiben, was in mir brennt, das war die richtige Entscheidung. Mitteilen und verbreiten. Gelesen werden und Zuspruch bekommen. Das hilft. Und das gibt Kraft und Laune auf mehr. Mehr von dieser Art Arbeit. Mehr von Begegnungen mit besonderen Menschen. Mehr von Erlebnissen, die wertvoll sind und die ich behalten möchte. Danke sehr.

Jetzt bin ich erst einmal raus aus diesem Alltag. Werde mich zurecht finden müssen in einem Tag, der für mich ist. Den ich selber gestalten kann. Der nicht beginnt mit schrecklichen Anamnesen und Schicksalsberichten, die einem fast das Herz zerreißen. Ich werde aufamten und schauen. Die Augen ganz weit aufmachen und sehen, was kommt. Es wird aufregend und neu. Das weiß ich schon jetzt.

Und ich freue mich drauf.

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