Und 2 Wochen Pause liegen vor mir. 2 Wochen, in denen ich die ersten Wochen meines Wiedereinstiegs ins Lehrerleben Revue passieren lassen kann. Mich erholen und sammeln. Richten und ordnen. In 2 Wochen geht es nämlich weiter. Da sind die Osterferien rum und ich kehre zurück in die Psychiatrieschule, um kranke Kinder und Jugendliche während ihres Klinikaufenthaltes zu unterrichten.

Anders als vorher bin ich zurzeit das „Mädchen für alles, was Unterricht angeht“ im Kollegium. Ich unterrichte nicht auf einer einzelnen Station, sondern bin in verschiedenen Klassen als Vertretung im Einsatz. Tage überbrücken, an denen Teilzeitkräfte nicht da sind oder an denen Kolleginnen erkrankt sind. Tage mit Schülerinnen und Schülern verbringen, die ich nur auf die Schnelle kenne. Und das ist es, was das Ganze so anstrengend macht.

Fast jeden Tag bin ich in einer anderen Klasse. Mal die Achte, dann die Zehnte und dann wiederum die Neunte. Zwischendurch kurz mal in der Sieben und dann wieder in der Neun. Ich springe nicht nur zwischen den Altersstufen, sondern auch zwischen Krankheitsbildern, Unterrichtsthemen, Bedürfnissen, Arzt- und Stationsbesprechungen, Pausenaufsichten und Kollegengesprächen hin und her. Mal 2 Schüler, dann eine Einzelförderung, letztens 6, die vergangene Woche 10 an jedem Tag. Alles muss dabei gut vorbereitet sein, damit alles im Fluss ist. Ist es aber allzu oft nicht. Immer wieder geht am Tag die Klassentür auf und SchülerInnen werden zu Therapien, Gesprächen, zum Sport oder zu Testungen abgeholt. Oft mit Vorankündigung, aber oft auch ohne. Und zack: der vorbereitete Unterricht muss der Türschwellenpädagogik weichen. Ein Glück bin ich da Meisterin drin. Die Jahre auf der Intensivstation haben mich das gelehrt. Einfach ist das aber leider nicht: mein Raum war leer, als ich ankam. Keine Materialien oder Bücher. Ein Computer mit Internet immerhin und 10 iPads für die gesamte Schule haben mir die Anfangszeit gut überbrückt. Mittlerweile habe ich die nötigsten Unterrichtsmaterialien da. Was aber wiederum nichts heisst, da ich keinen Kopierer in der Klasse habe. Aber auch das habe ich gelernt, so zu umschiffen, dass es den SchülerInnen und auch mir mittlerweile nicht mehr auffällt.

Wenn man nicht extrem flexibel ist in dieser Schulform, ist man verloren. Planungen reichen nur bis zur nächsten Stunde. Morgens eine Idee im Kopf, blicke ich mittags zurück und lächle in Demut, dass ich den Schultag mit all seinen Planänderungen so rumgebogen habe, dass alle zufrieden nach Hause, bzw. auf die Stationen zurück gehen können.

Und dann darf nicht vergessen werden, dass jeder Einzelne in der Klasse wegen einer schweren psychiatrischen Erkrankung in der Klinik ist. Keine Überforderung, aber bitte auch nicht unterfordern. Inhalte der Heimatschule aufgreifen, festigen, neu lernen. In Mathe, Englisch, Deutsch. Auf Anzeichen achten, Beobachtungen aufschreiben. Reaktionen auf neue Medikamente erkennen und festhalten. Feinstes Gespür für innere Unruhe und Angespanntheit wahr nehmen. Und dann entsprechend reagieren.

So wie bei einem Schüler diese Woche. Er ist in der Klinik, weil er aggressiv gegenüber Mitschülern war. So sehr, dass er zunächst aus der Heimatschule raus genommen wurde und nun bei uns ist, um zu schauen, was die Ursache seines Verhaltens sein könnte. „Ein typischer Amokläufer.“, sagen die Erzieher und Ärzte. „Eine tickende Zeitbombe.“ Und ich mit diesen Worten und mit 10 SchülerInnen in der Klasse mittendrin. Ein schönes Gefühl ist das nicht. Mein Handeln liegt in solchen Situationen darin, es nicht eskalieren zu lassen. Schwierig, weil dieser Schüler nur mit der Schulter zuckt, wenn überhaupt. Kein Wort, kein Blickkontakt hinter seinen langen Haaren hervor. Keine Regung während des gesamten Schultages. Zwischendurch ein inneres Beben. Aggression liegt in der Luft. Schnauben und weiter schweigen. Als die Ärztin mich mittwochs bittet, ihn etwas mehr herauszufordern, um eine Reaktion zu erhalten, lehne ich das für mich ab. Ich werde es nicht darauf ankommen lassen, diesen Schüler in Eskalation zu erleben. Aus Schutz für die MitschülerInnen und natürlich auch aus Eigenschutz. Kein Notknopf in der Klasse und keine direkte Nachbarklasse. „Sorgen Sie für sich selbst! Niemand macht das für Sie.“ klingen mir die Worte des Seminarleiters auf der Abschlussveranstaltung meines Referendariats immer wieder in den Ohren. Im Gespräch mit der Station wird schliesslich vereinbart, mit der Medikation herauf zu gehen. Dann sehen wir weiter.

Und heute erlebte ich den Schüler offen und gelöst. Mit einem „Guten Morgen!“ kam er in die Klasse. Beschwingt und fast schon locker. Er sprach mit mir und seinen Mitschülern. Ich konnte zum ersten Mal in seine Augen sehen und sah darin eine grosse Erleichterung. Ein Glück, dass ich gestern noch ein Star-Trek-Rätsel ausdruckte und ihm mitbrachte: er war beseelt über diesen Arbeitsauftrag und surfte für Lösungen auf Fanseiten der Serie herum. Am Ende des Schultages spielten wir alle zusammen ein Gedächtnistrainingsspiel, bei dem der Schüler so eine Freude hatte, dass er laut auflachte und mir am Ende schöne Ferien wünschte. Wer hätte das gedacht. Ich nicht. Niemals.

Und jetzt tut es sehr gut, zwei Wochen Pause in Aussicht zu haben. Entschleunigung als Allererstes und dann Krafttanken für die nächste Runde in der Achterbahn der Klinikschule. Hurra!