Und nach 19 Jahre sprechen können ist ein seltsamer Titel. Ein seltsamer Titel so wie es auch eine Geschichte ist, die im Nachwirken eben dieses Gefühl wieder kehren lässt. Seltsam schön. Seltsam unwirklich.

Da bin ich also vor 4 Jahren in meinem Referendariat an einer Schule für Menschen mit geistiger Behinderung. Einer Werkstufenklasse zugeteilt, also den Großen der Schule als Lehrerin vorgesetzt. Eine bunte Klasse mit untschiedlichsten Menschen, die mit unterschiedlichstem Vermögen dem Tag ihr Können schenken. Unterricht findet statt, er ist lebenspraktisch orientiert. Ich unterrichte z.B. Kochen, wir besuchen eine Polizeistation und gehen ins Praktikum in eine Werkstatt. Die sechs Schülerinnen und Schüler nehmen das Lernangebot je nach Tagesverfassung an und bereichern es mit ihren Beiträgen. Oft lustiger Art, manchmal auch nachdenklich und nachdrücklich. Vier der sechs Schüler sprechen. Sie kommunizieren mit gesprochenen Worten in Melodien, Betonungen und direkter Verbundenheit. Ein Schüler ist darunter, der sich mitteilt durch ein leichtes Klatschen in die Hände. Damit sagt er ja, er bestätigt etwas oder er freut sich sehr. Seine Blicke verraten viel. Er schaut genau und fesselt mit seinen aufrichtigen Augen. Mich im ersten Augenblick. Ich nenne den Schüler hier Alex, damit das Bild von ihm ein wenig Gestalt annehmen kann.

Alex hat noch nie gesprochen. Sein Autismus lässt das auf direkte Art nicht zu. Warum das so ist, darüber weiß man sehr wenig. Dass es so ist, steht fest. Alex lebt in einer Wohngruppe ein wenig außerhalb des Schulortes und kommt jeden Morgen mit dem Bus zum Unterricht. Er wird dabei begleitet. Auf der Wohngruppe gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, er schlägt manchmal und wird rabiat. Meist in Situationen, in denen er sich bevormundet oder unsicher fühlt. In der Schule ist er so noch nie aufgefallen. Er ist ein netter Schüler, er blinzelt mit den Augen und ist immer bei der Sache. Oft denke ich mir, das kann es nicht gewesen sein. Da steckt ein großer Berg an Können in dem jungen Mann. Das muss raus. Das will raus. Wie denn ohne Sprechen? Kurze Erinnerung an ein Seminar während meines Studiums: facilitated communication. Gestützte Kommunikation, die es Menschen möglich macht, sich zu äußern, Sprache zu finden und das Leben um ein Vielfaches zu erweitern. Ich probiere es. Probiere es zusammen mit Alex, wenn er es zulässt, wenn er verstehen möchte, was ihm angeboten wird.

In seinem Praktikum stellte ich mich also an einem Tag neben ihn, legte zwei Karten mit ‚Ja‘ und ‚Nein‘ vor ihn auf den Tisch und nahm seine rechte Hand in meine linke und umfasste sie so, dass sein Zeigefinger letztendlich allein tätig werden konnte. Seinen Arm hob ich zusammen mit meinem nach oben, stellte ihm eine Frage, auf die er mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ antworten konnte und war gespannt. Er schaute zunächst verwundert zu mir, ich wiederholte die Frage und sagte ihm, er solle auf eine der Karten zeigen. Dabei teilte ich ihm die Bedeutung der Karten mit. Alex bewegte seinen Arm in Richtung ‚Nein‘ – ich gab ein wenig Gegendruck, um seine Entscheidung spürbarer zu machen und er drängte fast schon auf seine Antwortkarte. Dass er den Sachverhalt des Miteinanders verstanden hatte, war mir dann nach ein paar weiteren Fragen klar. Ein kleines Wunder.

Ein kleines Wunder, das sich dann nach ein paar Tagen Pause wiederholte. Als ich den Einkaufszettel für den Kochunterricht an die Tafel schrieb und ihn die Dinge, die er besorgen sollte, abschreiben ließ. Dafür hatte ich eigens die Tastatur eines Rechners auf ein Blatt Papier gedruckt, mit größeren Abständen zwischen den Buchstaben, so dass es eindeutig sein konnte, welchen Buchstaben er mich aufschreiben lassen wollte. Ich setzte mich neben ihn, mit einem weißen Blatt Papier vor mir und einem Stift in der rechten Hand, seinen rechte Hand in meiner Linken. Während er auf die einzelnen Buchstaben tippte, schrieb ich folglich mit. Und so war es: er listete all die Dinge auf, die er im Laden besorgen sollte. Zwischendurch immer wieder Buchstaben, die nicht passten, aber deutlich sichtbar, dass er das Wort von der Tafel abschreiben konnte und wollte.

In engem Austausch mit meiner Mentorin teilte ich ihr mit, dass Alex wohl in der Lage ist, sich ausdrücken zu können und zu wollen. Neue Wege könnten ihm bevorstehen, neue Erfahrungswelten. Die Skepsis meiner Mentorin war nachvollziehbar (siehe Kritik im Wiki-Link), sie war dennoch offen für den Versuch, Alex die Welt der schriftsprachlichen Kommunikation zu öffnen. Dafür bekam ich eine Extrastunde, in der ich mit ihm allein am Rechner die facilitated communication ausprobieren durfte. Immer war es möglich, dass er abbrach oder den körperlichen Kontakt durch die Berührung der Arme verweigerte. Aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Alex war bereit, dabei zu sein, in ein spannendes Kapitel einzutauchen und seine Umwelt zu bereichern.

In der ersten Stunde, die offensichtlich mit großer Spannung behaftet war, stellte ich ihm die sehr offene Frage: ‚Was willst Du sagen? Gibt es etwas, was du dringend mitteilen möchtest?‘ – ‚Ich liebe meine Mama. Ich möchte ihr was schenken.‘

Das war es, was er 19 Jahre lang in sich trug, das erste, was er seiner Welt dringend mitteilen musste. Der Moment ist in Stein gemeißelt. Für beide. Bis heute.

Alex äußerte sich zu verschiedensten Themen, er interessierte sich besonders für die Hugenotten, wollte Bücher darüber lesen und plante eine Überraschung für seine Mutter: zwei Karten für die Oper: Figaro sollte es sein. Französische und englische Vokabeln konnte er sicher abrufen, war interessiert an Büchern über Geschichtsschreibung. Er schimpfte über Lehrer, war eifersüchtig auf meinen Ausbildungsleiter und machte mir Komplimente mit Worten, die niemand bisher so gewählt hatte. Das war ein unangenehmer Teil, an dem ich noch lange zu überlegen hatte. Viele Gespräche habe ich daraufhin geführt mit erfahreneren Stützern, die mich in meinem Unwohlsein bestätigten und gleichzeitig aufmunterten: ‚Was würde mit Dir passieren, wenn jemand zu Dir kommt und Dir eine Welt anbietet, die Dir bis dahin so fern und unnahbar war?‘

Die Zeit kam, dass ich der Mutter über die neue Mitteilungsmöglichkeit berichtete. Auf einem Elternsprechtag fasste ich meinen Mut zusammen und erzählte ihr von Beginn an, was ihr Sohn zu leisten im Stande ist. Ein waghalsiger Schritt: schließlich kennt die Mutter ihren Sohn am besten. Ich war auf alles gefasst. Und sie war glücklich. ‚Ich hab es immer gewusst. Mein Alex.‘ Ich zeigte ihr nach Rücksprache mit Alex ein paar Textauszüge und sie war überzeugt von der Sache an sich und vor allem von ihrem Sohn.

Ein Referendariat ist zeitlich begrenzt, das heißt, ich wusste, dass ich im Sommer die Schule verlassen würde. Und somit auch die gestützte Kommunikation mit Alex ein Ende finden musste. Dass das aber so nicht geht und es einen neuen Stützer geben musste, war unerlässlich. Und genauso schwierig erwies sich auch die Suche danach. Alex suchte sich die Person aus. Konnte und wollte nicht von dem einen oder anderen gestützt werden. Bis er dann eine sehr erfahrene, angesehene Stützerin zur Seite hatte, die er bis heute nutzt, um sich mitzuteilen. Für mich war das ein gutes Ende. Ein Ende des gemeinsamen Weges.

Heute treffe ich mich regelmäßig ein mal im Jahr mit Alex und seiner Mutter auf einen Spaziergang im Park. Die Freude ist jedes Mal groß. Mir wird berichtet von Alex Erlebnissen, von seinem regen Emailaustausch mit seiner Mutter. Von seinem durch ihn initiierten Umzug aus der Wohngruppe in eine neue, in der er sich nun richtig angekommen fühlt.

Und nach 19 Jahren sprechen können ist für uns bis eh ein großes Wunder.

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