Und mutig sein im Ärgsten. Im ärgsten Umstand eines jungen Lebens, im ärgsten Umfeld seines Lebens. Vielleicht. Jeden Tag aufs Neue begegnen mir in meiner Arbeit als Lehrerin an einer Krankenhausschule Menschen, junge Menschen, die dem Leben nicht mehr gewachsen sind. Die geschützt werden müssen vor sich und/ oder vor Anderen. Die anderen Menschen und der schrecklich normalen Gesellschaft auf eine Zeit, ob kurz oder lang, entzogen und  umsorgt, behütet, genest werden müssen. Damit sie wieder Fuß fassen können in dem System, das wir für uns am geeignesten halten. Medikamente spielen dabei eine Rolle, Zuwendung, Aufmerksamkeit und ein großer Schonraum, in dem sie ankommen können und zur Ruhe kommen. In ihrer Erkrankung ernst genommen werden und als Mensch wohlwollend begleitet werden. In der ärgsten Zeit ihres bisherigen Lebens. In der Psychiatrie.

Und genau dort geschehen immer wieder, fast regelmäßig diese Momente, in denen der Mut plötzlich präsent ist. Mut, zum Wechsel der eigenen Lebensrichtung und des bisherigen Standards. Sie überwinden Schweinehunde, lassen die 5 grade sein, springen über den eigenen Schatten und begeben sich auf neue, weite Lebensfelder, die sie zunächst und anfangs begleitet betreten. Der Eine begleitet für längere Zeit, die Andere schon bald allein losgelassen mit kurzer Rast. Zu sehen, wie die Patienten resp. Schüler, Vetrauen setzen in die Personen, Maßnahmen, Angebote, denen sie in ihrer neuen Umgebung begegnen, macht ehrfürchtig. Das darf ich dank ihnen jeden Tag sein und bin dankbar dafür.

Dass sich eine Schülerin gestern an die Hausaufgaben setzen wollte, klappte erst nicht so recht. Sie erfuhr in einem Arztgespräch mit sanften Worten, dass sie schwanger ist. Von ihrem Freund, auch Teenager. Ein junges Mädchen, das dem Leben momentan nicht fröhlich ins Gesicht schauen kann und dadurch schlecht schlafen kann und ständig traurig ist. In der Schule war sie daher in diesem Schuljahr nur selten. Gespräche über das Neuerfahrene mit ihrer Mutter, mit dem Vater des Kindes und mit Betreuern der Station konnte sie gut annehmen und bahnte sich damit den Weg zurück in den Alltag: heute hatte sie ihre Hausaufgaben erledigt dabei. Sie setzte sich engagiert an ihre Mathesachen und arbeitete konzentriert und ausdauernd eine Doppelstunde lang an ihrem Material. Hier und da eine Frage, mehr nicht. Das ist Mut. Um die eigene, wenig rosige Lebenssituation sehr gut Bescheid zu wissen und doch teilhaben an den Alltäglichkeiten, damit die Fassung gewahrt, der Kopf behalten und der Zuversicht eine Chance gegeben wird. Sich Momente zu genehmigen, traurig und verbittert, sauer und verzweifelt zu sein, gehört zu diesem Mut dazu.

Das lernen die jungen Menschen gerade in solchen Phasen und das spiegelt sich auch im Unterricht wieder. Hier gibt es keinen Druck und keinen Stress, es werden keine Arbeiten geschrieben und keine Noten vergeben. Vielmehr ist es ein Angebot, sich das Lernen anzueignen und zu merken, dass Mathe auch Freude macht und Sprache andere Menschen fasziniert. Selbständigkeit, Überschaubarkeit der eigenen Fähigkeiten und Grenzen ist das, was ich den Schüler mit auf den Weg geben kann. Sich selbst im Mittelpunkt des Lernens und der Freiwilligkeit stehen sehen und erhellende Momente behalten, für düstere Schultage, die mit Sicherheit kommen werden. Jeder Schüler egal welchen Alters, welcher Schulform und Herkunft, ist ein kleiner Held. Ein Held, der mir das Vertrauen schenkt und sich einlässt auf einen Schulalltag, der sein kann, wie an jeder anderen Schule. Ätzend, fett, langweilig, krass, chillig, whatever. Alles vor dem Hintergrund, momentan so schwer erkrankt zu sein, dass es ohne ständige Aufsicht nicht funktionieren würde. Dabei stelle ich mir oft die Frage: könnte ich das auch? Wäre ich bereit dazu, mich auf Dinge, fremde Menschen und Angebote einzulassen, obwohl ich dafür momentan absolut keinen Kopf, vielleicht auch keine Meinung habe? Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass junge Menschen, trotz vieler seelischer Verletzungen und schlimmer Erfahrungen, immer noch eine kleine Flamme mit sich tragen in der Hoffnung, dass sie größer wird. Dass sich Möglichkeiten ergeben, die die Flamme zu einem Feuerchen machen, der anderen eine Suppe kochen kann oder Licht macht oder die Hände wärmt. Kurz, die Flamme sein, die gebraucht wird.

Und wie mutig muss man sein, diese Flamme fremden Menschen zu zeigen,auf unbekanntem Grund wachsen zu lassen und bedeutend zu machen: ‚Hier, ich kann was. Ich geb’s Dir weiter mit meinem Sinn und Verstand.‘

Mutig sein im Ärgsten.

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