Und während ich das hier schreibe, sitzt meine kleine Tochter neben mir. Sie spielt mit einem Greifring und brabbelt glücklich vor sich hin. Und während ich das hier schreibe, sitzen irgendwo in Deutschland Kinder in einer Klasse und lernen. Ein Mädchen, das eine Heimat hat, aber kein Zuhause. Das keine Eltern mehr hat, die sie beschützen können. Ein Junge, der mit Waffen Menschen erschoss, weil er das musste. Weil er ein Kindersoldat war. Vielleicht sitzt dort auch ein junges Mädchen, das geflohen ist, weil es einen Erwachsenen heiraten sollte und ein Verwandter seine Flucht in die Sicherheit organisierte und es alleine mit fremden Menschen und Nichts im Gepäck auf die Reise schickte. Da kann auch ein Kind in einer Klasse sitzen, das die dramatische Bootsfahrt durch das Mittelmeer überlebte. Seine Geschwister nicht.

In meiner Arbeit als Lehrerin auf der geschlossenen Station einer Psychiatrie für Kinder und Jugendliche sind mir diese jungen Menschen begegnet. Mit Narben am Körper und im Gesicht. Mit Narben auf ihrer Seele, die erst dann zum Vorschein kommen, wenn die Kraft nachlässt. Narben, die so weh tun, dass der freiwillige Tod die einzige Lösung scheint. Narben, die sie so weit weg von ihrer Heimat und vom Leben gebracht haben. So weit weg in ein sicheres Land. In unser Land.

Ich erlebe, wie sich mit vollem Einsatz um diese jungen Menschen und auch um Erwachsene mit ähnlicher Vergangenheit gekümmert wird. Institutionell, menschlich, bürokratisch, freundlich, zuversichtlich, aufrichtig, unterstützend, ehrenamtlich, deutlich, schützend, engagiert und fleissig. Viele Köpfe machen sich gute Gedanken um diese Kinder, viele Hände arbeiten unermüdlich, damit die Wunden auf den Seelen der geflohenen Menschen verheilen. So weit verheilen, dass sie weiter leben können. Dass sie die Kraft wieder erlangen, weiter zu machen. Ein Ziel zu verfolgen und mutig zu sein. Dass sie Hilfe annehmen können und gemeinsam mit den Unterstützern ein neues Zuhause schaffen. Es ist erstaunlich, wie sehr sich geflohene Kinder und Jugendliche auf das Neue einlassen können. Wie sie helfende Hände annehmen und mit ihnen gehen. Sich vertrauensvoll in die Zusammenarbeit begeben, obwohl sie die Sprache und oft auch die Kultur noch nicht verstehen. Wie sie mit Hingabe den Unterricht verfolgen und mühsam Vokabeln lernen. Wie sie uns damit in vielen Dingen Vorbild sein können, ohne es zu wissen. Wir sind auf ihrer Seite.

Lasst uns weiter daran arbeiten! Zeigen wir den Menschen mit Heimat aber ohne Zuhause, dass sie willkommen sind. Dass wir uns kümmern, dass wir alles dafür tun, sie in unserer Mitte zu haben und halten zu können. Empören wir uns weiter über rassistische Worte und Taten! Lasst uns an der Kasse nicht unbeteiligt bleiben, wenn wir einem Gespräch zuhören, das sich gegen geflohene Menschen richtet. Kramen wir unsere Courage wieder heraus, holen wir uns den Mut hervor, den all die Menschen aufgebracht haben, um unter Todesgefahr in unser Land zu kommen. Um sicher zu sein.

Und während ich das hier schreibe, passiert viel Gutes. Lasst uns darüber reden. Lasst uns darüber schreiben.

Ein Beitrag für #bloggerfuerfluechtlinge

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