Und Courage ist schwierig. Sie entblößt, macht offenbar, wirkt oppositionell, macht angreif- und verwundbar. Courage verursacht Herzklopfen, das das Sprechen und Handeln stumm schaltet. Deshalb ist sie so selten. Deshalb wird wenig darüber geredet und deshalb bleiben Situationen und Erlebnisse ungerecht.

Ungerecht behandelt wurde heute der Mann fortgeschrittenen Alters, der heute an einem kühlen und verregneten Tag seinen Pullover auszog und seine Hosen herunter. Er machte das, um sich waschen zu können. An einem Brunnen mitten in der Innenstadt. Begleitet von vielen Blicken verwunderter Passanten und sorgenvollen Gesprächen hinter vorgehaltener Hand. Niemand erboste sich, niemand sprach ihn an.
Jemand aber zückte sein Handy. Aus sicherer Entfernung und mit hämischem Lachen. Seine Freundin telefonierend und feixend. Hätte sie ihre Hände frei gehabt, hätten diese wohl die Schenkel geklopft und auf den Mann gezeigt. Er wurde von dem Pärchen gefilmt. Er wurde nicht gefragt. Und ich bin mir sicher, dass er genutzt wurde, um für Likes, für Anerkennung, für Lacher zu sorgen.
Das ist so falsch und schreit mit seinem gellenden Zeigefinger zum Himmel.

Von mir angesprochen auf die Tatsache, dass sie dabei seien, einen fremden Menschen zu filmen und ihn zu verspotten, begegnete mir der gepflegte, junge Mann mit Schulterzucken und einem „Ist mir doch egal. Ist doch lustig.“ Er hielt weiter seine Handykamera auf den hilfsbedürftigen Menschen. Seine adrette Freundin telefonierte weiter. Bis ich mich ins Bild stellte und meinem Ärger Luft machte. Hinweisend auf die eh schon erbärmliche Situation, appellierend an ihr Gewissen und mit der Bitte, daran zu denken, dass jeder Mensch in solch eine Lage geraten könne.
„Geh weiter! (… nee, ich meine nicht Dich. Hier steht so eine komische Frau vor uns…)“. Und ich ging weiter. Ein kleines Stück nur, bis ich mich umdrehte und sah, dass ich nicht alleine war. Ein Passant meines Alters sprach nun auch mit dem Paar und wies sie auf die Problematik hin. Gestik und Mimik zeigten deutlich sein Missfallen. Der junge Mann steckte das Handy weg. Was schließlich mit dem Material gemacht wird, das weiß ich nicht und kann ich nicht weiter beeinflussen. Das kann ich mir nur wünschen.

Und was tat die Courage dabei? Sie tat, was oben beschrieben. War zunächst unangenehm und bohrte. Mit Abstand und einem Pseudonym hinter einem Bildschirm auf einer Plattform als mahnender Kommentar wäre sie einfacher zum Einsatz gekommen. Physische Courage von Angesicht zu Angesicht bedarf körperlicher Anstrengung, das wurde mir wieder klar.
Sie tat aber auch Gutes: sie regte zum Nachdenken an, forderte unbewusst andere zum Mithandeln auf und hinterließ einen Abdruck. Wenn auch nur einen kleinen, der nur ein erster sein soll. Ein erster Abdruck, der den Weg weisen soll hin zu einem verantwortungsvollem Umgang miteinander. Wertschätzend und berücksichtigend. Immer reflektierend. Das wird ein langer Weg, ein schwieriger Weg bis dahin.
So schwierig wie Courage sich vorher anfühlt und nachher ein beruhigendes Gefühl ausbreitet. Wenn man mal couragiert gehandelt hat, wächst Mut.

Und der gibt alles, damit Courage normal sein kann und Häme komisch.

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