Und wo Inklusion auch hin muss, das wird erst langsam klar. Inklusion wird vielfach diskutiert, es wird darüber debattiert in Politik und Wissenschaft, in Schulen und in Professionen, die sich damit auseinandersetzen dürfen. Es geht dabei viel hin und her, es scheint, als ob Inklusion noch ein ganz weites Stück entfernt ist von dem, was sie einmal bewirken soll: zusammen sein, zusammen arbeiten, zusammen lernen, zusammen einkaufen, zusammen an der Ampel stehen, zusammen in der Warteschlange stehen, zusammen im Restaurant sitzen, zusammen im selben Viertel wohnen, es zusammen schaffen.

Damit das klappen kann, ist es wichtig, dass die Basis stimmt. Und die Basis sind so wie in vielen Fällen: wir.
Wir sind dafür verantwortlich, wie die ersten Schritte gemeinsam mit der Inklusion gegangen werden. Das bin ich, das bist Du, das ist der Nachbar, mit Gehhilfe, das ist das Kind mit geistiger Behinderung, das ist der junge Mann im Rollstuhl, das ist die Frau mit Sehbehinderung, das sind die alten Menschen. Wir sollten das Gemeinsame jetzt schon angehen und nicht erst darauf warten, bis sich Politik und Wissenschaft darauf geeinigt haben, finanziell und auf Basis rechtlicher Normen unsere Inklusion zu gestalten.
Wir haben jetzt schon die Möglichkeit, maßgeblichen Einfluss darauf zu nehmen, wie wir in Zukunft alle zusammen leben möchten.
Das fängt im Kleinen an: aufmerksames Hinsehen und Aufeinanderzugehen. Hilfe anbieten und Hilfe annehmen können. Ehrliche Worte austauschen, die das Gegenüber nicht verletzen. Partnerschaftliche Demokratie als Wegweiser für unser großes Vorhaben.

Vor kurzem war ich in einer Stadt im Bergischen und traf dort auf der Straße zufällig viele Menschen, mit denen ich zu Beginn der Jahrtausendwende Unterricht in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung machte. Wobei das Zufällige in dieser Stadt eigentlich Gesetz ist: in dem Ort gibt es viele Einrichtungen und Schulen und Werkstätten, die Platz bieten für Menschen mit Behinderungen. Der Ort hat sich gut eingerichtet, man lebt miteinander und erlebt zusammen den Alltag. Bankangestellte zum Beispiel stellen sich darauf ein, dass zur Monatsmitte hin sehr viele Menschen an den Schalter kommen und sich 10 Euro von ihrem Konto abheben lassen. Der Eismann kann Bestellungen von Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten sehr gut in Kugeln umsetzen. Ärzte verfügen über das entsprechende Vokabular, Menschen mit einfacherem Verständnis über ihre gesundheitliche Situation aufzuklären.
Das klingt alles wunderbar. Das ist es auch. Einziges Manko: das ist nicht in ganz Deutschland so. Überall dort, wo seit Jahren zentralisierte Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen Plätze gefunden haben, haben sich die Menschen damit auseinandergesetzt und es in eine passende Form gebracht. Mit viel Arbeit, mit vielen Diskussionen, mit Selbstreflektion und mit großer Ausdauer. Sicher gibt es das auch noch in optimierter Art und Weise. Wichtig ist, dass die Umsetzung der Inklusion eine Realität findet. Und zwar in jedem Ort und jedem Haus.

Warum ich gerade heute auf das Thema komme, hat folgenden Hintergrund: das Fernsehprogramm liefert in regelmäßigen Abständen Formate, in denen Menschen vorgeführt werden. Die unwissentlich Platzhalter für Komik und Skurrilität werden. Die Gründe für die Ausstrahlung solch mittelalterlicher Zurschaustellungen sind mir noch unbekannt. Vielleicht kann mich ja mal jemand darüber aufklären, welchen Mehrwert der Zuschauer oder die Zuschauerin zum Beispiel durch „Schwiegertochter gesucht“ erfährt.
Ich halte diese Idee von Fernsehinhalten für destruktiv, was unser Vorhaben der Inklusion angeht. Genau genommen wird dabei das Gegenteil erzielt: Menschen, die sich anders verhalten, die anders aussehen, die sich anders kleiden, die anders sprechen, werden hier zu einem bunten und gern gesehenen Spielball unseres Voyeurismus. Der Abstand wird größer, die Kluft unüberwindbarer. Es ist kaum vorstellbar, dass Inklusion mittels solcher Sendungen überhaupt einmal stattfinden kann. Es wird über die Menschen in diesen Sendungen öffentlich gelacht, es wird mit dem Finger darauf gezeigt und sich auf die Schenkel geklopft. Fehler der anderen werden zur Lachnummer unseres sonntäglichen Fernsehabends. Wie sich die Protagonisten der Sendungen fühlen, wenn sie sich selbst dann im Fernsehen sehen, das fragt keiner. Das will auch sicher niemand wissen. Da wird es nämlich dann sehr unangenehm. Das passt nicht zu Salzstangen, Bier und Twitter.

Denken ist an diesem Punkt nicht schlecht: denkt an die zukünftigen Klassen Eurer Kinder. Denkt daran, dass wir zukünftig auf Elternabenden mit Eltern zu tun haben werden, die womöglich dem Format der RTL-Sendungen entsprungen sind. Denkt daran, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten müssen, wollen, dürfen. Dass unsere Kinder von der Schule nach Hause kommen und davon berichten, wie sich jemand außerordentlich benommen hat. Stellt Euch jetzt schon die Frage, wie Ihr damit umgehen wollt. Wie Euer Leben durch Inklusion eine Bereicherung und weniger ein Kampf mit Neuartigem werden kann.
Ich kann mir gut vorstellen und wünsche es mir umso mehr, dass sich das Selbstverständnis eines Zusammenzulebens umsetzen lässt.

Dazu brauche ich Eure Hilfe. Dazu braucht Inklusion genau Dich.

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