Und ab morgen bin ich in meinem Sabbatjahr. Ab morgen habe ich 1 Jahr lang keinen Unterricht zu gestalten. Ab morgen habe ich 1 Jahr lang Zeit, aus dem Beruf zu sein. 1 Jahr lang raus aus dem Umfeld, das mich in den vergangenen 5 Jahren so geprägt und beeindruckt hat. Raus aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und raus aus der Rolle der Lehrerin.

Ab morgen lege ich eine lange Pause ein. Eine Pause, die mir helfen soll, mich zu regenerieren, den Kopf grade zu rücken und wieder einen echten Blick dafür zu bekommen, was gesunde Kinder sind. Wie gesunde Jugendliche leben und was deren Alltag ausmacht. Ein Jahr, auf das ich mich seit 2 Jahren gefreut habe. Für das ich mich frei entschieden habe, als mir in Erinnerung kam: ‚Sorgen Sie für sich selbst.‘

Je näher dieser vorerst letzteTag rückt, desto mehr denke ich über die letzten fünfeinhalb Jahre nach. Überlege, wem ich begegnet bin, welche Erlebnisse in meinem Klassenraum statt fanden, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen: Sprüche und Fröhlichkeiten, Ernsthaftigkeit und Tod, Lebenwollen und Aufgeben.

Wie groß meine Sorge zu Beginn war, in einer Kinder-und Jugendpsychiatrie als Lehrerin zu arbeiten, das ist mir noch nahe. Wie kann man denn Menschen unterrichten, die am schlimmsten Punkt ihres Lebens sind? Wie kann man einen Schultag gestalten auf der Intensivstation, die abgeschlossen, geschützt ist vor dem Rest der Welt? Kann ich dabei in Gefahr geraten? Beherrsche ich denn alle Unterrichtsinhalte, die Schülerinnen und Schüler aller Schulformen und Altersklassen in dem Moment lernen sollten? Und überhaupt: Mathematik?

Diese Sorgen konnte ich schnell vergessen. Dabei geholfen hat mir das Team der Intensivstation, das mir von Beginn an Vertrauen schenkte und vor allem viele offene Ohren. Das tat so gut. Nach dem Unterricht ins Stationszimmer gehen und das los werden, was stark auf die Seele drückte. Nachfragen und besonders bei Krankheitsbildern noch einmal ein genaues Bild bekommen und verschiedene Verhaltensweisen erklärbar machen. Dabei immer eine gute Portion Humor und eine große Anerkennung meiner Leistung als die Lehrerin ihrer Station. Ich bin sehr dankbar, dass ich in solch einem Team arbeiten darf.

Und all das, was mir begegnete und all das, was mich in den Schuljahren so sehr bewegte, bedurfte einer Kraft, die ich vorher von mir noch nicht kannte. Ich kann auch heute diese Kraft nicht genau benennen, sie setzt sich eher zusammen aus verschiedenen Sachen, die eine Art Tuch ergeben. Ein Tuch, das sich mir  in der Zeit als Lehrerin stützend und wärmend um meine Schultern legte. Wohlwollen, Fröhlichkeit, Lebensfreude und Verständnis, Zuwendung und Aufmerksamkeit, Ruhe und Klarheit, Strenge und Fairness. All das in einer Art partnerschaftlichen Demokratie im Klassenmiteinander. Verantwortung übernehmen und Verantwortung genau da überlassen, wo sich der Patient oder die Patientin imstande fühlt. Ein leises Zurückführen in den Alltag mit Hilfe von Lernerfolgen und Stärkung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

Mit diesem bunten Tuch an reichem Inhalt habe ich es geschafft, um die 900 Schülerinnen und Schüler kennen zu lernen, mit ihnen über kurz oder lang durch einen Schulalltag zu gehen, der ihnen Mut zum Weitermachen schenken konnte. Wie oft habe ich erlebt, dass sich ein Schüler dem Unterricht komplett entsagen wollte und sich selber nichts zutraute. Dann aber im Laufe der Zeit merkte, dass er sich Gutes tun kann und sich sogar über Leistungen freuen kann.

Ich erinnere den einen Schüler, der monatelang nicht sprach mit den Mitarbeitern der Station. Der sich runtergehungert hatte auf ein Drittel seines Normalgewichts. Der seine Spucke nicht schluckte und sie dafür im Mund sammelte, so dass er Hamsterbäckchen hatte. Mit dem Tag, an dem er zu mir in die Klasse kam, taute er ein wenig auf. Mein einziger Anspruch war, einen guten Schultag mit ihm zu erleben. Ich wollte nichts wissen von seiner Essstörung, seinem Mutismus und seiner eingeschränkten Gangart. Ich wollte mit ihm Schule machen. Und das klappte: er begann flüsternd mit mir zu reden, immer auf der Hut, seine Spucke nicht zu verlieren. Das klang sehr komisch und das sah noch komischer aus. Aber er sprach. Und er arbeitete mit. Auf seine Weise, recht eigen. Aber zielorientiert und mitunter mit einer Portion Humor. Meinen Namen weigerte er sich zu sagen bis zu dem Tag, als er einmal auf seinen Stuhl urinierte. ‚Frau Knixibix, ich habe gepinkelt.‘

Und dann war da noch der Junge, der sich in meine Schnecke Charlotte verliebte.

Und das Mädchen, das sich auf der Station fast erfolgreich stranguliert hätte.

Der Junge, der plötzlich laut loslachte.

Meine Erfahrungen und Begegnungen von Schülern mit ADHS (oder auch nicht).

Junge Menschen, denen in der Psychiatrie auch dank des Internets der schönste Tag in ihrem Leben geschenkt wurde.

Wie gut es ist, wenn man Blinker setzen kann und in eine andere Richtung gehen kann.

Wie sehr mir Blümchen geholfen haben, den Unterricht zu einem guten zu machen.

Als mir selber Zuwendung in mehrfacher Hinsicht begegnete und mir das so gut tat bis heute.

Es gab Tage, da gruselte es mich selber.

Der afrikanische Kindersoldat, der mich fast sprachlos machte und Glück in die Klasse brachte.

Mut als Mittel der Wahl von jungen Menschen eingesetzt, den Lebenswillen wiederentdeckt.

Meine Bitte, die jeder kennen sollte.

Wie mir deutlich wurde: ich habe den besten Job der Welt. Ich lerne so viele Menschen kennen, die mir ihre Talente zeigen.

Und dass man einige Ansprüche an diesen Beruf gar nicht lernen kann.

 

 

An Tagen, an denen ich schwere Last oder beeindruckende Erlebnisse mit nach Hause nahm, da halfen mir Gespräche. Reden mit Familie und Freunden. Austausch und Loswerden der Dinge, die auf die Stimmung drücken können. Das tat gut und erleichterte mir den Blick für mein eigenes, schönes und gesundes Leben.

Was mir dabei noch half, das war das Bloggen. Über das zu schreiben, was in mir brennt, das war die richtige Entscheidung. Mitteilen und verbreiten. Gelesen werden und Zuspruch bekommen. Das hilft. Und das gibt Kraft und Laune auf mehr. Mehr von dieser Art Arbeit. Mehr von Begegnungen mit besonderen Menschen. Mehr von Erlebnissen, die wertvoll sind und die ich behalten möchte. Danke sehr.

Jetzt bin ich erst einmal raus aus diesem Alltag. Werde mich zurecht finden müssen in einem Tag, der für mich ist. Den ich selber gestalten kann. Der nicht beginnt mit schrecklichen Anamnesen und Schicksalsberichten, die einem fast das Herz zerreißen. Ich werde aufamten und schauen. Die Augen ganz weit aufmachen und sehen, was kommt. Es wird aufregend und neu. Das weiß ich schon jetzt.

Und ich freue mich drauf.

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