‚Und Arbeit am offenen Herzen – das ist nicht unsere Aufgabe.‘ sagt heute meine Kollegin zu mir als wir uns über ihre Vertretung in der Klasse der Drogenentzugsstation unterhalten. Sie ist seit ein paar Wochen für eine Kollegin eingesetzt, die erkrankt für den Rest des Schuljahres ausfällt. Sie entschärft dadurch die Schwierigkeit, Unterricht zu gestalten für Schülerinnen und Schülern, die sich gerade in der Psychiatrie befinden. Arbeit am offenen Herzen, das machen wir nicht – ich stimmte ihr zu und fand den Gedanken erleichternd.

Und je mehr ich den ganzen Tag über diesen Satz nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie sehr wir eben doch an offenen Herzen arbeiten. Nicht am physischen Herzen als Kardiologin sondern an dem Herzen, das den Schülerinnen und Schülern so offen liegt, während sie bei uns in der Klinik sind. Sie sind dabei so nah an der Grenze zum Unmöglichen, so nah bei sich selbst und so nah an Empfindlichkeiten, dass ein kleiner Auslöser das Herz zum Poltern bringt. Das Poltern kann laut sein und Krach machen. Es kann leise sein und Tränen bedeuten. Es kann stumm machen und antriebslos sein. Es kann Mut machen und Zuversicht schenken. Das Herz ist da. Und es arbeitet. Offen oder nicht.

Und was mein Herz bei der Arbeit macht, das habe ich heute deutlich gespürt. Zurück aus entspannten und ruhigen Osterferien und betankt mit neuer Energie hat mein Herz gestern und heute schon wieder gut funktioniert. In Zusammenarbeit mit Erfahrung und dem Verstand, der stets sein Dasein einfordert, hat es mir besonders heute geholfen, Situationen zu lösen und Krisen zu erkennen.

Der Schüler, der nur noch diese eine Chance hat, um zu zeigen, dass er sich ändern möchte und mitarbeiten will, weil sonst das Gefängnis sein nächster Aufenthaltsort sein wird, schillerte in diesen beiden Tagen in vielen Farben. Seit 2 Jahren nicht zur Schule gegangen, die freie Zeit mit Cannabis und Rumhocken und Verbrechen verbracht, empfing ich ihn gestern zum Erstgespräch in meiner Klasse. Alleine und die Grundlagen klärend, wollte ich ihm so wie ich es allen anderen Neuen in meiner Klasse auch erkläre, die Sorge nehmen. Die Sorge vor dem Neustart, dem Eingeständnis, sich nicht gut getan zu haben in den vergangenen Monaten und vor dem Schatten, der sich drohend aufrichtete und er drüber springen sollte. Das hat gestern nicht geklappt. Er gestikulierte wild, verstand meine Worte nicht, verdrehte sie so, dass sie ihm zum Nachteil erschienen. Er wurde laut und abwertend. Verweigerte schließlich die Kommunikation. Sein Herz so offen, dass er sich davor warf dicht machte und strudelte. Würde ich ein Bild malen müssen, ich würde einen Ertrinkenden malen. An solch einer Stelle bleibt mir nicht mehr, als das Gespräch abzubrechen, ihm zu vermitteln, dass mein Unterrichtsangebot so nicht aufrecht erhalten werden kann. Und wir morgen weiter sehen werden.

Und heute, da hatte er es zunächst auch wieder sehr schwer. Im Arztgespräch wurde ihm noch einmal vor Augen geführt, dass seine Verweigerung im Gefängnis enden würde. Seine Chance, dem zu entgehen, sei immer noch da. Aber geschmälert. Ich entschied für mich, ihm heute noch einmal die Möglichkeit zu bieten, seinen Schatten zu konfrontieren und ins kalte Wasser zu springen. Natürlich verstehe ich die Position eines Menschen, der kurz davor steht, sich eingestehen zu müssen, dass wohl von seinem Erlernten nicht viel übrig sein kann, wenn er 2 Jahre so verbrachte wie dieser Schüler. Wie konfrontativ und erschreckend ehrlich so eine Situation sein muss, das möchte ich nicht selbst erleben. Aber ich bin immer wieder Zeugin solcher Momente und dabei auch diejenige, die den Spiegel vorhält und die Wahrheit mit in die Klasse bringt. Genau da komme ich wieder auf mein Herz zurück, das dann gefordert ist: ohne den bewussten Einsatz und das Wissen um mein kräftiges, gesundes Herz mit der Energie für offene, verletzte und verwundete Herzen, wäre diese Situation wohl schwerlich zu lösen. Das Aufbäumen in Worten und Beschuldigungen in Form von Verächtlichkeiten versuche ich damit zu mildern. Oft sage ich nichts. Gebe stumme Impulse, manchmal zeige ich Verständnis, manchmal bin ich streng. Ich lobe kleinste Fortschritte und freue mich mit Worten und Lächeln über uns selbst. Und immer wieder das Ernstnehmen der Lage, in der sich der Schüler momentan befindet. Bei jedem Schüler anders.

Der Schüler schaffte den Schultag schließlich heute komplett. Er igelte sein Herz wohlig ein in seine Erkenntnis, dass es gar nicht so schlimm ist, wieder zur Schule zu gehen. Er freute sich über meine steten Rückmeldungen, ähnlich eines Pacemakers oder Boxtrainers in der Ringecke. Nur nicht so laut. Er schaffte Aufgaben und forderte Aufgaben ein. Er ging aufrecht und mit einem Gruß zurück auf die Station. Erleichtert wirkte er. ‚Bis morgen dann! Ich freu mich drauf!‘

Wie gut da zwei Herzen heute gearbeitet haben. Und nun ein wenig Ruhe verdient haben.

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