Und kriegen Sie da keine Angst, wenn sie sowas sehen? Hinter Ihnen!“ fragt mich die alte Frau mit dem Korb am Arm. Sie schubst mich kaum merkbar an und weist mit ihrem Kinn in Richtung der Personengruppe, die hinter mir steht. „Da, kann man doch nur weglaufen.“ Ich weiß genau, wen sie meint, drehe mich aber nicht um sondern überlege für einen kurzen Moment. Schräg hinter mir an der Fußgängerampel steht eine Gruppe von Frauen, die mit langen schwarzen Gewändern gekleidet sind. Einzig erkennbar sind ihre Augen. Wallende Stoffe, die den Winterwind aufnehmen und sie fast schweben lassen. 

Und diese Kleidung der Frauen löst bei der alten Frau so sichtlich Angst aus, dass sie erst 2 Meter Abstand nimmt und verängstigt schaut und dann zu mir herüber kommt, um meine Meinung darüber zu erfahren. Vielleicht um sicher zu gehen, dass Angst nicht angebracht ist. Weggehen kann sie nicht, wir stehen auf einer Verkehrsinsel. Die Ampel ist rot. Für die Frau wohl ewig rot. Sie schaut mich an und immer wieder nickt sie mit dem Kopf in Richtung der Frauengruppe. Die Ampel immer noch rot und ich fühle mich nicht wohl mit dieser Sache. Zu viele politisch unkorrekte Dinge auf der einen Seite, dann Verständnis der alten Frau gegenüber. Bilder im Kopf, den ich bis kurz vorher noch mit Geschichten aus der Psychiatrie füllte. Was man nicht alles denken kann in so kurzer Zeit. Bis mir endlich einfällt, was ich in dieser Situation und zu der Frau sagen möchte. 

„Wissen Sie, es gibt so viele Menschen, die tragen Jacke und Hose wie wir. Und man sieht es ihnen nicht an, dass wir Angst vor Ihnen haben sollten. Und doch sind das böse Menschen, die schon vieles angerichtet haben. Solche Dinge, die wir gar nicht wissen wollen.“ – „Ja,“ sagt die Frau, „da hamse Recht. Aber sowas, nee. Haben Sie da keine Angst, wenn die da hinter Ihnen stehen?“

Und ich überlege und denke nach, alles wieder sehr schnell. Ich schüttele den Kopf und lächle. Mehr kann ich nicht sagen. Die Ampel ist noch immer auf rot. Und ich wünsche mir, dass genau in dem Moment eine der schwarz gekleideten Frauen auf uns zu käme und mit uns redete. Vielleicht eine Begrüßung, vielleicht ein Lächeln mit den Augen. Die Freundlichkeit eines wallenden Gewandes aufgreifen und einsetzen. Die Situation entschärfen und ihr die Normalität geben, die sie verdient. Ich möchte nicht Fürsprecherin sein, sondern Mitsprecherin in diesen Angelegenheiten. So etwas wünsche ich mir. Dass alle Menschen, die in solcher Lage sind, durch kleine Gesten, durch Reden oder Taten Gutes tun. Gutes tun für die Frau, die Angst hat, für die Frau, die zwischen den Stühlen steht und vermitteln möchte und letztlich für sich selbst. So könnte es doch klappen, das mit dem Miteinander und der Toleranz. Der eine sagt „Ich habe Angst.“. Der andere versucht, die Angst durch eine Kleinigkeit in Unbegründetheit zu wandeln. Die Frau, die vermittelnd steht, in Augenhöhe und Fairness allen gegenüber. Und die Geschichten wie diese weiter gibt, auf dass sie sich vermehren bis ans andere Ende der Welt.

Ach, das wäre schön.

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