Und da fehlen selbst mir die Worte. Worte, die in so einer Situation keinen guten Grund finden können, um gesprochen zu werden. Für was und warum, das steht außer Frage. Weil eh alles fest steht. Von anderen bestimmt, für richtig empfunden und als neuer Weg vorgepflastert in ein neues Leben. Ein neues Leben außerhalb der Familie. In einer neuer Umgebung mit neuen Menschen, neuen Mitbewohnern, Betten, Stühlen, Gabeln, Tapeten, Strukturen, Anforderungen und so vieles mehr, was einen Zehnjährigen nur angehen kann.

Als wir heute in der Chefarztvisite den kleinen Patienten in seinem Zimmer besuchten, um mit ihm weitere Schritte zu besprechen, war klar, dass dieses Treffen nicht leicht würde. Zu sehr klappte es Zuhause nicht mit seiner Familie und seinem Bruder. Immer wieder Ausraster und stundenlanges Waschen als Zwangshandlung. Das reißt einen Jungen dermaßen aus dem Alltag, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Daher wurde er vergangene Woche in die Klinik aufgenommen und aus seinem gewohnten Umfeld geholt. Dort konnten alle erkennen, dass es dem Jungen sehr schlecht geht. 6 Stunden lang Schreien und Toben. Gespräche und Gesten halfen ihm nicht, sich zu beruhigen. Die selbst schwer kranken Mitpatienten dadurch sichtlich mitgenommen und professionelles Personal, das an seine Grenzen stieß. Wegen eines Menschen im Grundschulalter.

Als der Junge heute in der Visite vor 9 Erwachsenen auf seinem Bett saß, konnte man ahnen, dass er schon wusste, wie es mit ihm weiter geht: nicht mehr nach Hause. Sondern in eine Einrichtung, so wie sein Bruder. Dass es nicht dasselbe Hause sein würde, das wusste er auch schon. Und als der Arzt dann wiederholt sagte: „Du weißt, dass es heute nicht mehr nach Hause geht? Weißt Du, dass Du gleich abgeholt wirst und in Dein neues Zuhause gebracht wirst? Kannst Du mir bitte in ganzen Sätzen antworten?“ Da fehlten ihm die Worte. Da fehlten auch mir die Worte. Was soll ein kleiner Mensch antworten? Wie kann in solch einer Situation nur ein Laut von den Lippen kommen, wenn selbst Erwachsene da stehen und starr sind vor Bedrückung. Kein Mucks und kein Schnaufen. Sein Kopf gesenkt und einmal mit den Schultern gezuckt. Das war es, was der Junge zu tun in der Lage war. Traurigkeit bis in die Haarspitzen, die Füße kraftlos vom Bett hängend und ein verlorener Blick in die Runde. Kein Mensch in der Nähe, der das wirklich auffangen kann und kein Wort, das passend wäre für diese Tatsache. Das Schweigen tickt lauter als der Wecker auf seinem Tisch.

Ab heute fängt sein neues Leben an. Die Feuerwehr holt ihn ab. Raus aus der Klinik, rein in einen etwas freierer Rahmen mit viel Unterstützung und Zeit. So dass er vielleicht bald wieder zu seinen Worten zurückfindet.

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