Und die Leistung des Tages geht heute an meine Schülerin. Ganz klar und ohne Zweifel. Ihr sei dieser Tag und Erfolg so sehr gegönnt, weil sie hart dafür arbeitete. Und zwar mit sich. Das ist die härteste Arbeit, die ein Mensch leisten kann: sich zu verändern, sich anzunehmen und weiter zu entwickeln. Neue Wege zu gehen und sich helfen zu lassen. Ganz anders als man von ihr erwartete, als sie vor 6 Wochen nach zahlreichen Aufenthalten in der Klinik wieder zu uns kam. Seitdem arbeitet sie jeden Tag so sehr dafür, irgendwann ein Leben führen zu können, das dem unseren in Ausschnitten ähnelt. Zu viel war sie alleine seitdem sie lebt. Alleine gelassen von den Eltern, die sie schon früh in eine Einrichtung brachten und sich nicht mehr interessierten. Kein Wunder, dass sie anders und mit Schmerzen am Körper und in der Seele zum Teenager heranwuchs: mit Schnittverletzungen am ganzen Körper und so tief, dass sie genäht werden mussten. Zuletzt auch im Gesicht. Oft wurde sie in den Aufenthalten zuvor fixiert, weil sie sich selbst in Lebensgefahr brachte. Ihre Gefühlswelt taub und laut zugleich.

Das Mädchen ist dieses Mal anders. Sie wirkt gereift und aufrechter. Spricht ihre Sätze meist zuende und kann Lob annehmen. Sie schwankt nicht mehr in Kilometerlängen von gut gestimmt zu tottraurig. Sie cremt sich ihre Narben, damit sie weniger sichtbar sind für andere. Verabschiedet sich damit vielleicht und in kleinen Schritten von ihrer Erkrankung. Sie traut sich Dinge zu. Als ich mit ihr vor 2 Wochen im Museum war, da konnte ich sehen, was das Leben in geschlossenen Einrichtungen mit einem Menschen machen kann: ihn schützen vor Eigengefahr und nicht Schützen vor Verlernen. Verlernen von Dingen, die so selbstverständlich sind, dass ihre Existenz uns gar nicht mehr auffällt. Als sie das 4-Ticket in der Straßenbahn abstempeln sollte, wusste sie nicht mehr, wie das geht. Ihre Angst, etwas falsch zu machen war so groß, dass ich daneben stehen musste und sie anleitete. Sie fühlte sich von allem beobachtet: von Mitfahrern und Museumsbesuchern. Sie zweifelte sehr an ihrer Erscheinung. Körperlich wich sie mir den ganzen Vormittag nicht von der Seite. So sehr hat sie verlernt, alleine zu sein und sich selbst zu bestimmmen.

Und dieses Mädchen vollbrachte heute die Leistung des Tages. Womit? Mit einem Lerngang in die Klinikkantinenküche. So banal aber so wichtig für sie und ihr Werden. Seitdem sie nun wieder in meiner Klasse war, beschäftigte sie sich mit beruflichen Perspektiven. Sie wird bald 16 Jahre alt und hat die Schulbesuchszeit pflichtmäßig vollbracht. Schule fand für sie in den letzten Jahren in Einrichtungen statt oder eben bei mir in der Klinikklasse. Eine Basis, die löchriger nicht sein könnte. Aber auch dafür gibt es Arbeit und Zukunft. Perspektive, die unerlässlich ist für ein Weiterlebenwollen. ‚Beiköchin‘ war der Beruf, den sie für sich aussuchte und wochenlang in Arbeitsblättern und Internetrecherche theoretisch erschloss. Sie arbeitete sehr genau, stellte viele Fragen und holte sich Rückmeldungen bei mir ein, ob ich mir tatsächlich vorstellen könne, dass sie das werden könnte. Ich schlug ihr vor, die Großkantine in der Hauptklinik zu besichtigen. Ich würde mich um einen Termin kümmern, bei dem ihr der Beruf der Beiköchin in der Praxis vorgestellt werden würde. Sie nahm das Angebot an. Und heute war der Tag, an dem dies statt finden sollte.

Wenn ich montags aus dem Wochenende in die Klinik komme, weiß ich nicht, was mich erwartet: es kann alles beim Alten sein, es kann neue Patienten und Patientinnen geben. Jemand kann in der Fixierung liegen oder entlassen sein. All das erfahre ich erst in der Frühe. Und heute wünschte ich mir besonders, dass alles war, wie ich es Freitag verlassen hatte. Und so war es. Die Schülerin kam auf mich zu, fragte, was sie anziehen solle. Sie sagte, sie sei so aufgeregt. Ich solle mit ihr ins Zimmer und ihr helfen, die passende Kleidung auszusuchen. ‚Ich muss ja was Langes an den Armen anziehen, damit die meine Narben nicht sehen. Und was mache ich mit meinen Haaren?!‘ Das war es, was in dem Moment auch zu meinem Lehrerinnensein gehört: Stylingberatung, Mutmachen, Beruhigen, Durchsprechen, wie der Besuch wohl ablaufen wird. Und dann endlich losgehen. Mit Fragen auf einem Zettel, der ihr Unterstützung geben sollte, falls sie einen Blackout bekommen würde.

Den brauchten wir gar nicht. Weil sie kurz vor der Küchendirektionstür beinahe der Mut verlassen hätte, den sie sich seit Wochen so sehr erarbeitet hatte. ‚Ich schaffe, das nicht. Wenn die alle gucken! Wie sehe ich denn aus?‘ Mein Zuspruch, dabei zu sein und sicher zu sein, dass sie das schaffen kann. Und sie ging mit mir ins Zimmer des Küchenchefs. Des Küchenchefs, der zu ihrer sichtlichen Erleichterung eine Frau war! Steine voll Sorge fielen von ihr ab und sie ließ sich durch den Arbeitsalltag einer Beiköchin geleiten. Von einer sehr empathischen Frau, die ehrlich und offen war und meiner Schülerin Mut zusprach. Und ich war so stolz. So stolz auf das junge Mädchen, das da neben mir stand und plötzlich ruhig war. Ruhig im Sinne von gelassen und zuversichtlich. Sie stellte Fragen, war beeindruckt und scherzte zwischendurch auch einmal: ‚Zumindest gut riechen tut es hier.‘

Am Ende des Durchgangs bedankte sie sich bei der Dame und schnappte sich die Winterjacke. ‚Ich kann die jetzt nich anziehen, ich schwitze so, weil ich total glücklich bin.‘ Die Leistung des Tages vollbracht und am Ende glücklich sein. Das macht jemanden noch mehr zur Meisterin. Ihr Einsatz und ihr Durchhaltevermögen, sich in eine Situation zu begeben, in der sie auftreten muss und sich bekannt machen muss, das alles zählt zu den großen Schritten, die die Schülerin heute machte. Schritte die hoffentlich einen Weg gehen, der sie begleitet und beschützt in ein Leben führt, das für sie da ist. In dem sie sich bewegen kann wie sie es möchte.

Morgen ist ihr letzter Tag in der Klinik. Dann wird sie entlassen und geht in eine Einrichtung. Wieder ein neuer Ort. Wieder neue Menschen und Menschen, die sie bewerten und beurteilen. Die ihr Leben aus Schriftstücken kennen und sich ein Bild daraus zurechtmachen. Wieder kein leichter Schritt für sie verbunden mit großer Sorge.

Aber mit ihrer Leistung des Tages im Gepäck,  die sie heute glücklich gemacht hat.

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