Und drückt uns die Daumen! So feste und lange, dass wir heute einen guten Schultag haben. Denn heute ist er ein besonderer: wir gehen ins Museum. Wir möchten ins Museum gehen. Ob das tatsächlich statt finden kann, das erfahre ich erst, wenn ich in der Klinik ankomme und mit dem Oberarzt spreche. Er entscheidet darüber, ob ich mit meiner derzeit einzigen Schülerin einen Lerngang ausserhalb des Klinikgeländes machen darf. Raus aus dem geschlossenen Bereich, rein ins Leben. In die Straßenbahn, in die Stadt, zurück in die vergangene Vergangeheit. Rein ins Museum. Wir wollen uns anschauen, was Frauen trugen, als sie als Römerinnen in unserer Stadt wohnten. Wir wollen uns anschauen, was Reichtum bedeutete, Kraft und Stärke.

Genau das, was wir heute brauchen, um komplett wieder zurück zu kehren in den derzeitigen Alltag, der für die Schülerin bestimmt ist als Warten und Geduld üben und hoffen, dass die stabile Hochlage ihres Gemüts noch anhält. Denn davon profitiert sie momentan enorm.

Wenn ich einen Klassenausflug plane, dann geht das nur unter Vorbehalt. Ich frage auf Station und die Ärzte, ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, mit der Schülerin oder dem Schüler ‚raus‘ zu gehen. Ob die Gefahr nicht zu groß ist, dass er oder sie weg läuft. Dass sie sich etwas antun und einen Stimmungseinbruch bekommen. Ich bekomme auch dieses Mal große Zustimmung für mein Vorhaben: ‚das wird Balsam für ihre Seele sein!‘, ‚das hat sie sich so was von verdient!‘ und auch zweifelnde Kommentare, die mich nachdenklich machen. Und dadurch reflektierter. Grundlage meines Handelns ist die Zustimmung der Ärzteschaft: halten sie die Schülerin heute Morgen für stabil und bereit, so darf ich mit ihr ins Museum gehen. Das wäre schön.

Ich bin mir bewusst, dass es schwierig werden kann. Gehe gedanklich alle Möglichkeiten durch und werde mir merken, welche Kleidung sie heute trägt. Damit ich sie als vermisst melden kann und so schnell wie möglich nach ihr gefahndet werden kann. So dass sie wieder zurück kommen kann und weiter machen kann an dem Guten, das sie sich in den letzten Wochen bei uns in der Klinik aufbaute. Davon gehe ich aber nicht aus. Ich freue mich auf den Tag.

Lehrerin zu sein bedeutet, solche Situationen zu ermöglichen. Sie sind aussergewöhnlich und besonders nur vor dem Hintergrund, dass meine Schule in einer Psychiatrie ist. Grund genug, solche Unternehmungen erst gar nicht anzudenken. Und zu wenig Grund, den Schülerinnen und Schülern einen Ausflug zu verwehren. Sie können sich damit selbst einschätzen lernen, ausserhalb der Blase einer geschützten Station, zurück in dem Leben, das noch so viel vor hat mit ihnen. Einen Museumsausflug mit Limo und Quarkbällchen zum Beispiel.

Und drückt uns die Daumen, dass wir gehen dürfen! Drückt uns die Daumen, dass es ein guter Tag wird!

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