‚Und finden Sie mich wirklich gut?‘ fragte mich heute die Schülerin, die ich schon seit meinem Beginn als Lehrerin in der Klinik kenne. Immer wieder sucht sie als Anlaufstelle die Intensivstation als Ort auf, der ihr bekannt und wohlwollend vorerst die Last von ihren schwachen Schultern nimmt und sie ausruhen lässt. Ausruhen an einem Ort, der für die meisten Menschen ein Ort ist, behaftet mit Vorurteilen und Ängsten. Oft verglichen mit dem tiefsten Punkt im Leben eines Menschen. Und genau das ist der Ort, an dem sich meine Schülerin neu orientiert. Von dem aus es wieder weiter geht da draußen im Leben, das sie zu einem sehr wilden macht.

‚Instabile, emotionale Persönlickeitsstörung‘ lautet die Diagnose, die ihr zugeschrieben wird von Ärzten und Therapeuten. Und die sie begleiten wird ein Leben lang. Mit Höhen und Tiefen, mit Zeiten, in denen sie gut zurecht kommt mit Menschen und Anforderungen und Zeiten, die sie ausklinken aus dem Leben, wie es eigentlich wert sein soll.

Wie oft sie in den vergangenen Jahren Schülerin in meiner Klasse war, das kann ich nicht mehr sagen. Was ich aber sagen kann ist, dass sie gereift ist. Dass sie erwachsener wirkt mit ihren 15 Jahren und ein wenig ruhiger. Orientierungsfähiger mit der Tendenz sich selbst Gutes einzugestehen und Lob anzunehmen. Was in den letzten Jahren immer abgewiesen wurde und nicht angenommen werden konnte, da zu nah und zu unwirklich für sie, das nimmt sie dieses Mal mit schwachen Händen und leicht zweifelnden Gedanken an. Und versucht es zu behalten. So zu behalten, dass sie daraus irgendwann vielleicht ein Fundament bauen kann für sich und für ein positives Selbstbild. Sich selbst die Hand geben zu können und nett zu sich sein.

Das kann sie bisher noch nicht sicher und konstant anwenden. Ihr Körper ist übersät mit Narben, die durch Selbstverletzungen geblieben sind. Ihre Körperhaltung gleicht einem großgeschrieben ‚S‘, ihre Sprache ist verwaschen und sie bricht Sätze immer wieder ab. Ihr Händedruck ist so blass wie ihr Gesicht, Sie stellt sich  zu Beginn vor mir auf, fragt mich ob ich geschrumpft sei oder sie gewachsen und da müssen wir beide lachen. ‚Du wirst noch ein ganzes Stück wachsen!‘ – ‚Echt? Meinen Sie das ernst?‘ Erfreulicherweise ist ihre Motivation zu Lernen dieses Mal hoch, sie schreibt äußerst schön und konzentriert sich auf eine Art, die ich bisher noch nicht kannte. Hin und wieder gibt es im Unterricht Phasen, in denen sie sich Rückmeldung von mir einholt und fragt, ob sie alles richtig mache. Und ich sage. ‚Ja, Du machst das richtig und ich finde, du bist richtig gut.‘ Sie gönnt sich keine Pause zum Annehmen des Kompliments, verdreht die Augen, bewegt ihre Hände in Kreisen, wirft den Kopf hin und her und sagt: ‚Ich war nicht immer so, stimmt’s?‘ Ich bestätige das und erinnere sie daran, wie sehr sie früher gemotzt hat und sich selber in den Schatten gestellt hat. Wie sie alles anzweifelte und davon ausging nichts zu können. Und da lächelt sie. ‚Was soll ich auch machen? Irgendwie muss ich ja leben und mich verändern.‘

Dass sie aus ihrer Einrichtung disziplinarisch entlassen wurde und derzeit keine Wohnstatt hat, macht das Ganze noch brisanter. Anstatt sich selbst zu verletzen oder noch weiter zu gehen, meldete sie sich im Krankenhaus und wurde aufgenommen. So lange aufgenommen, bis etwas Passendes, etwas Neues für sie gefunden wird. Und das kann dauern.

So lange wie es dauert, werde ich sie in meiner Klasse sitzen haben. Wird sie mich fragen, ob ich den Gute-Laune-Spray sprühen kann und daraufhin verzückt die Augen schließen und tief durchatmen. Sie wird mich bitten, Ihr Aufgaben zu erklären, die sie eigentlich kann. Sie wird wissen wollen, welche Lidschattenfarbe ich trage und ob ich wieder in die Schweiz fahre am Wochenende. ‚Alleine mit dem Zug?! Wie schaffen Sie das nur?‘ Sie wird mich bitten, von meinen Häschen zu erzählen und mit offenem Mund den Erzählungen zuhören. Sie wird fragen ob sie alles richtig macht und sich über Lob freuen. Und es wird sicher Tage geben, an denen ich erschöpft nach Hause gehe, weil die Arbeit so stark von ihrer Stimmung abhängt. Und die kann wirklich weit unten im Keller sein. Ich mache ihr dann gefühlt mit einem Streichholz Licht, begleite sie mit 3 Schritten aufwärts die Treppe und 2 abwärts zurück in einen Alltag, in dem es sich besser leben lässt. Der Gutes mit ihr vorhat und sie noch ein Stückchen weiter wachsen lässt.

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