Und eine Bitte habe ich. Eine Bitte direkt gerichtet an alle, die dies hier lesen. Aufmerksam, mit dem Wissen um meine Arbeit und ohne das Wissen darum.

Ich bitte um Aufmerksamkeit und Hinsehen. Um Eingreifen und mutig sein. Um ein Sicheinmischen und Dazu-Stehen. Ich bitte um Aufschreie, Fingerzeige, Hilferufe und Bewusstmachung. Ich bitte um ein erwachsenes Einschreiten in Situationen, in denen Kinder ausgeliefert sind. In denen Kinder hilflos sind. Zu jung, zu klein, zu unwissend, zu ungeschützt und unverstanden. Kinder, die auf der Straße sind, in der Wohnung nebenan wohnen, im Viertel draussen sind. Kinder, um die man weiß. Kinder, die Kinder sein sollen. Und nicht Opfer von Menschen, die es nicht verstanden haben, einem Kind gerecht zu sein. Es zu begleiten im Erwachsenwerden mit Liebe und Zuwendung, Aufmerksamkeit und besonders mit Respekt.

Ich bitte darum, dass sich couragiert wird, in Momenten, in deren Beobachtung schon allein wir uns unwohl fühlen. Genau das ist der Moment, der für Kinder ein Schlüsselmoment sein kann. Der für Kinder das Mittel ist, um der Aussenwelt zu zeigen, dass in der Familie Vieles falsch läuft. Ein Hilferuf, der stumm vermittelt, jede Reaktion in uns hervor rufen sollte, um diesem Kind gerecht zu werden. Um eine Stimme zu bekommen gegen Prügel, Schreie, Respektlosigkeit, Herabwürdigungen und Vernachlässigungen.

Sei es durch Fragen, Hinweise, ein Sich-hinstellen und Lautwerden, couragierte Mitbürger zur Seite nehmen. Und diesen fehlhandelnden Menschen mit Stärke und friedvollem, demokratischem Selbstbewusstsein deutlich zu machen, dass sie gesehen werden. Dass ihr Unrechttun am Kind offenbar ist. Und dass gehandelt wird. Im Gespräch, in der Auseinandersetzung, in der Anzeige beim Jugendamt oder einer anderen Behörde. Anonym oder nicht.

Kinder sind leise in ihrer Seele. Erwachsene nicht.

Ich bitte darum in dieser Form, weil ich seit über 4 Jahren als Lehrerin in einer Psychiatrie eben jene Kinder unterrichte, deren Eltern und Bezugspersonen jahrelang missbrauchend handeln konnten, ohne dass etwas Gutes geschieht. Für diese Kinder ist es momentan fast zu spät. Ich werde nicht en detail erzählen, was mir tagtäglich in Anamnesen zu Gehör kommt. Es reicht, wenn ich sage, dass ich keinen Tatort schaue und dunkle TV-Serien nur dann sehen kann, wenn ich vorher die Zusammenfassung gelesen habe. So gruselig ist das, was ich fast jeden Tag höre. Kurz nach dem Frühstück. Und ich kann damit umgehen, ich habe Katalysatoren: ein intaktes Umfeld, das mich auffängt. Ich kann selbst bestimmt für mich sorgen.

Das können Kinder nicht.

Daher meine Bitte: seid gut zu den Kindern. Seid laut.

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