‚Und ich habe ein Geschenk für Sie‘, sagt der kleine Schüler heute zu mir, als wir schon am Ende des Unterrichts sind. Gerade aufgestanden und Richtung Tür gegangen, um ihn auf seine Station zu bringen hält er inne und greift in seinen Schulranzen.

In den Schulranzen, der neben seinem Stuhl steht. Und das ist nicht normal. Nicht normal für den Schüler, der mit seinen sieben Jahren schon so viel Ärger in seiner alten Schule hatte. Wenn er gegen Mittag alleine in meine Klasse gebracht wird, pfeffert er den Ranzen in eine Ecke des Raumes, zeigt mir damit, wie es ihm geht, dass der Keinbockhase das Zepter in den Pfoten hat. Schwerer Schritte stampft er in den Raum, den Oberkörper vorne über gebeugt, begleitet von tierischen Lauten. Dinosauriern gleich. Ich setze mich auf meinen Platz am großen, runden Tisch und zeige ihm wortlos den Stuhl, den er sich auch in den vergangenen Schultagen aussuchte. Den weichen mit dem schwarzen Polster. Er schafft es nach kurzer Zeit sich hinzusetzen, lautiert weiter und legt den Kopf auf den Tisch. Heute ist der dritte Tag, an dem wir es zusammen versuchen. Es versuchen, einen Schulbesuch als das geltend zu machen, was einem Schulbesuch würdig ist. In dem Fall des kleinen Schülers bedeutet das für ihn und für mich, alle Voraussetzungen erst einmal so zu schaffen, dass eine kleine Arbeitseinheit möglich ist. Klein heißt 15 Minuten. Einzelne Wörter schreiben, Methodenwechsel Bilder ausmalen, wieder Wörter schreiben. Alles ganz kleinschrittig und mit viel Geduld. Und Lob und Zuwendung und Ausdauer. Den Schulranzen stellt er heute recht schnell auf den Platz neben seinem Stuhl. Nimmt selbständig sein Mäppchen heraus und öffnet es. Sein Mäppchen sieht aus, als ob darin Krieg herrscht: zerbrochene Stifte, ein zerbröselter Radiergummi, ein beidseitig gespitzter Bleistift, die Halterung aus Gummi derart überstrapaziert wie sein kleines Nervenkostüm, an dem wir fleißig und mit viel Mühe arbeiten.

Während er den Bleistift heraus holt, zeigt er mir gleichzeitig, wo der Keinbockhase heute sitzt. ‚Hier, im linken Bein. Der bastelt an einem Rammbock, damit er immer wieder bei mir einbrechen kann und mich wütend machen kann.‘ Ich sage ihm, dass der Hase ja jetzt erst einmal abgelenkt sei und wir die Zeit nutzen können, um weiter an unseren Schreibübungen zu arbeiten. Für jede gute Übung male ich ihm einen Kreidepunkt auf eine kleine Tafel. Am Ende der Stunde, seines Schultages, darf er für jeden Punkt einen Stein ausmalen für die Mauer aus Papier, die er sich errichten möchte. Errichten, damit der Keinbockhase keine Chance hat, wieder herein zu brechen und ‚mir das Leben so schwer zu machen‘.

Er schreibt 3 Wörter, schreibt meinen Namen und freut sich. Malt die Bilder mit Sorgfalt aus und zeigt, dass er viel Fantasie besitzt und sich zu jedem Bild eine Geschichte ausdenkt. Nach 10 Minuten ist das Arbeitsblatt geschafft, das wir an den vergangenen 2 Tagen bearbeitet hatten. ‚Boah, das war viel Arbeit.‘ Das war tatsächlich viel Arbeit für ihn. Das sieht man in seinen Augen, an seiner Körperhaltung, hört es an seiner Stimme. Der Junge gibt hier grade sein Bestes. Und ich freue mich.

Als ich dann überleite zu einer kleinen Recheneinheit im Zahlenraum bis 20, sitzt er gespannt auf seinem Stuhl. Die Buntstifte sorgfältig in sein Mäppchen gepackt, wartet er mit verschränkten Armen auf den nächsten Teil. Welch‘ Glück, dass ich in meinen Aufgaben eine Übung finden konnte, die ein Häschenbild zeigt. Das fordert ihn auf, macht ihn neugierig und er beginnt zu rechnen. Um es ihm leichter zu machen und dem Keinbockhasen schwer, male ich ihm nach den ersten Aufgaben eine Zahlenkette auf. Ich merke, dass jedes kleine Scheitern an einer Aufgabe den Spieß umdrehen lassen kann und er plötzlich mit der Stimmung ein-  und seine Wut ausbricht. Und das versuche ich gratwanderunggleich und manövrierend zu verhindern. Er nimmt die Kette an, zählt ab, legt sich einen Stift an die Ausgangszahl und hat nach einer Viertel Stunde dieses Aufgabenblatt erledigt. Dabei sitze ich die ganze Zeit neben ihm, bestätige seine Rechnungen, male weitere Kreidepunkte auf. ‚Die Mauer wird so stark, da hat der Keinbockhase keine Chance mehr. Ha!‘ Ich nicke. Als es zu Minusaufgaben kommt, merke ich, dass der Keinbockhase kommt. Ich spreche es an und er bestätigt und sagt: ‚Ich weiß aber, dass es den Hasen ärgert, wenn ich weiter mache. Also weiter!‘

Als er fertig ist, seine Sachen zusammen gepackt und mich mit großen Augen anschaut, was als nächstes wohl dran käme, eröffne ich ihm, dass nun zum Schluss Besuch kommt. ‚Die Schnecke Charlotte besucht uns und ist total neugierig.‘ Und was dann kommt, das geht direkt ins Herz und bleibt da sicher auch: der Schüler wird ganz ruhig, er sitzt auf seinem gepolsterten Stuhl, fängt an, leise zu lachen und streichelt die Schnecke in feinen Bewegungen. Seine Augen werden immer größer, seine Stimme ganz weich. Er gluckst beim Lachen: ‚Oh wei, ist die süß!‘ Und er auch. Er nimmt das Gespräch mit der Schnecke an, lässt sich auf das Spiel ein, hört aufmerksam zu und streichelt die Schnecke immer wieder. Wir schauen uns zusammen seine Aufgaben an, er zeigt seinen Stolz. Wir reden über Schule und über den Nachmittag, der ansteht. Und müssen uns dann wieder verabschieden. Die Schnecke zieht sich in ihr Haus zurück, ich stelle sie an ihren Platz und höre wie der Schüler sagt: ‚Die hat ja gar keinen gemütlichen Platz! Vielleicht kann man es ihr weicher machen. Eine Decke! Die Charlotte braucht eine Decke! Wir gucken morgen mal, dass sie es schöner hat!‘

Und er greift zu seiner Schulranzen, will ihn anziehen, hält inne, greift rein und sagt: ‚Ich habe ein Geschenk für Sie.‘

Foto(1)

Und er hat in der dreiviertel Stunde Unterricht so viele Geschenke gemacht.

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