Und kennst Du den Keinbockhasen? Nein? Ich kannte den bis heute auch nicht. War mir unbekannt verborgen, aber ich wusste immer, dass da was ist, was einem erheblich die Laune verderben kann. So sehr verderben, dass nichts weiter möglich ist, als auszuflippen, Blätter zu zerreissen, Stifte zu brechen, Leute zu beißen. Sich selbst nicht zu mögen und schwach zu werden. So schwach, dass der Keinbockhase auf einmal alles in den Pfoten hat und dominiert. Er dominiert ein ganzes Leben, wenn er unentdeckt bleibt und ohne Gesicht. Er gibt Rätsel auf, die sind schwerer als das, was in der Schule verlangt wird. Der Keinbockhase ist so präsent, dass das eigentliche Ich ganz klein wird und traurig.

So wie bei meinem neuen Schüler heute. Der Schüler, den ich von letzter Woche aus der Hausaufgabenbetreuung schon kannte. Mir übergeben als sehr schwieriger kleiner Mensch. Der schon die 2.Klasse besucht, aber dabei so wütend und sauer wird, dass er Lehrer beißt und Dinge kaputt macht. Zuletzt aß er seine Hausaufgabenblätter und bemerkte im Anschluss: ‚Mit Zucker wären sie leckerer gewesen.‘ Dieser Siebenjährige wurde gestern auf die geschützte Station verlegt, da er in der Klasse meiner Kollegin seine Sinne nicht mehr unter Kontrolle hatte und versuchte, seinen Menschen im Umfeld in die Augen zu stechen. Zu viel für ihn, zu viel für alle. So dass er heute zu mir in die Klasse kam mit all den Geschichten auf den kleinen Schultern, die ihm das Leben so schwer machen.

Für mich stellte sich die Frage, wie ich den kleinen Schüler kriegen kann. Mit welchem Mittel ich seine Lust an Schule wecken kann und gleichzeitig die damit verbundenen Schwierigkeiten vor der Klassenzimmertür lassen kann. Und wie das oft passiert, so lasse ich es passieren. Ich lasse ihm freie Platzwahl, er soll sich bequem hinsetzen. Lasse ihn erzählen, was ich wissen sollte über ihn. Damit ich schnell mit ihm einen guten Unterricht machen kann. Er ist sehr aufgeweckt und erzählt. Erzählt, wie leicht ihm alles falle und dann aber wieder so wütend werde. Dann wisse er nicht mehr, was er macht und alle stünden nur da und wüssten nicht mehr weiter. ‚Das ist alles sehr anstrengend.‘ Und wie ich ihm zuhöre, so fällt es mir ein und ich sage zu ihm: ‚Das hört sich an, als ob der Keinbockhase bei Dir ist. Kennst Du den? Nein? Der ist bei manchen Kindern und der ist echt lästig für die.‘ – ‚Ja! Da ist irgendwas! Der heißt Keinbockhase, stimmt!‘

Und er lässt sich darauf ein und hört mir gut zu, was dieser Hase alles macht. Wie sehr er stört, wie sehr sich manche Kinder wünschen, er würde wieder gehen. Dass es Kinder geschafft haben, den Hasen kennen zu lernen und mit ihm umzugehen. Da fällt ihm sofort ein wie er selbst den Hasen wegbringen würde: erschlagen, ersticken, erstechen. Alles in dunklen Kopfbildern ausgemalt, mit kräftigen Gesten und kleinen Händen untermauert. Ich betone, dass ich Gewalt ablehne, dass ich so Hasen versuche, anders zu kriegen. Auf die Frage nach dem Wie, denke ich kurz nach, schaue den Jungen an und sage: ‚Indem ich ihn entdecke und sichtbar mache! Niemand bekommt den Keinbockhasen so schnell zu Gesicht. Aber die Kinder wissen, wie er aussieht ohne ihn gesehen zu haben.‘

Was dann kommt, das hat mich sehr beeindruckt: der Junge streckt den Zeigefinger, hat eine Idee, sein Gesicht hellt sich auf und er sagt: ‚Komm, ich zeige Dir, wie der Hase bei mir aussieht!‘ Geht an die Tafel, nimmt sich die weiße Kreide und fängt an zu malen. So zu malen, wie es ein Mensch in dem Alter tun kann: einfache Linien, klare Angaben der Gliedmaßen mit einem sehr langen Hals. Und Hörner hat der Hase und seine Ohren sind zwei Sägeblättern gleich. Vier Füße hat er und dreieckige Augen. ‚Der sieht gar nicht wie ein Hase aus, ne?!‘ fragt er mich und bekommt von mir eine stummes Zusage. ‚Und der Hase hat besondere Merkmale, willst Du die auch wissen?‘ – ‚Ja, gerne,‘ sage ich. ‚Je mehr ich mir ein Bild von Deinem Keinbockhasen machen kann, desto besser können wir ihn auch entlarven und mit Haut und Haar wegschicken.‘

Er verlangt jetzt nach bunter Kreide. Malt die Augen Lila. Sein Fell wird bläulich-braun. Er ergänzt den Hasen um einen langen roten Stachel, der am Mund angesetzt ist. ‚Rot ist der Kampf.‘ Malt einen Saugnapf unter den Hängebauch und setzt auf den Stachel vorm Mund noch eine Laserpistole oben drauf. Meinen Blick deutet er richtig und beginnt zu erklären: ‚Der Stachel, der ärgert mich immer. Damit tut er mir weh und das stört mich. Mit dem Saugnapf saugt der Keinbockhase die Fröhlichkeit aus mir. Und die Laserpistole benutzt er, wenn er mir die viele Wut in den Bauch schießt.‘

Das sind Worte, die kommen aus einem Menschen, der seit sieben Jahren lebt. Der so viele Dinge in sich trägt und sie dabei äußern kann, dass es eine Erwachsene wie mich innehalten lässt. Ich verspüre in dem Moment eine Hochachtung vor dem kleinen Kerl, wie ich sie selten erlebe. Er nutzt die Möglichkeit einer Fantasiefigur, um mir zu verdeutlichen, wie es ihm geht. Was da in ihm vorgeht und wütet, so dass es ihm bisher unmöglich war, friedvoll an einem Unterricht teil zu nehmen. Mir gibt er all diese Hinweise und Gedanken, sodass ich damit umgehen kann und ihn tatsächlich kennen lerne.

Wir vereinbaren auf seine Idee hin, dass wir diesen Keinbockhasen Stück für Stück durchstreichen und wegschicken können. Immer dann, wenn er etwas gut gemacht hat oder friedlich überstanden hat. Er wolle zusätzlich einen guten Hasen malen, der mit jedem Stück wächst, während der Keinbockhase immer weniger wird. Ich stimme dem voll zu. Bemerke, dass ich keine bessere Idee hätte haben können und bedanke mich bei dem Jungen. ‚Vielen Dank. Danke, dass Du mir gezeigt hast, wie Dein Keinbockhase aussieht. Der sieht ziemlich mächtig aus.‘ – ‚Ja! Sehr mächtig. Und alles ist aus Metall und Horn, seine Ohren sogar aus Titan!‘ – ‚Ich glaube, das wird viel Arbeit, die wir zusammen gut erledigen, meinst Du nicht auch?‘ – ‚Ja, das wird’s. Fangen wir morgen an?‘

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