Und ein ungekanntes Gefühl steigt in mir hoch. Zeigt sich in Stärke und Dominanz, laut und deutlich, unumschiffbares Ist, eine Tatsache gesetzt. Stößt Denken an, weiches Empfinden und wirft Fragen auf. Fragen, die gepaart sind mit Abwägungen, Abgleichen mit dem Gewesenen. Bilder hervorrufen, die vertraut und nah, durch die Zeit ein wenig in den Hintergrund gerückt, aber mit der Nachricht ihres Todes enger am eigentlichen Jetzt als das Pizzaessen mit Freunden, bei dem ich von ihrem gewollten Schritt erfuhr.

Meine ehemalige Schülerin hat sich umgebracht. 

Ein halbes Jahr nachdem wir uns verabschiedet haben. Mit dem Erwachsenwerden auf Papier wurde sie verlegt in eine andere Klinik. Damit es ihr von dort besser gehen würde, sie sich nicht mehr schwer selbst verletzen würde, die guten Seiten an sich erkennen und wirken lassen könnte. Das hat sie so nicht gewollt. Und so habe ich sie vor einem Jahr kennen gelernt. 

Wir konnten den Unterricht zu Beginn im Sommer ausschließlich im Beobachtungszimmer durchführen. Zu groß die Gefahr, dass sie etwas aus dem Klassenraum entwendet, mit dem sie sich verletzen könnte. Eine sehr enge Zusammenarbeit war das. Kleine, leise Schritte auf ungekanntem Terrain, sich gegenseitig Kennenlernen, das Wollen des anderen berücksichtigen und anhand dessen gemeinsam auf dem Weg des Schulalltags entlang schleichen. So lange, bis ein Unterricht im Klassenraum möglich war. Erneut alleine unter 4 Augen, sodass ich jede Schwingung und jedes Bedürfnis wahr nehmen konnte. Die Antennen gespitzt. Der Intuition wie so oft vertraut. 

Mit kleinen Schritten erarbeiteten wir einen Bewerbungsbrief, der an eine Einrichtung gehen sollte. Dort wollte sie als Erwachsene ein neues Leben beginnen. ‚Was magst Du gerne? Was kannst Du gut? Was stellst Du Dir vor? Wie soll es dort sein?‘ Auf jede Frage wusste sie genau und sorgfältig zu antworten, wägte immer wieder ab, korrigierte sprachliche Anteile und war dabei wie so oft sehr kritisch mit sich selbst. Alles getippt auf dem Computer, um es dann persönlich mit Handschrift an die neue Einrichtung zu richten. ‚Damit sie auch wissen, dass ich ordentlich bin.‘ 

Die Zusammenarbeit mit der Schülerin war eine herausfordernde. So eine, wie ich es gerne mag. Nach der ich jeden Tag erschöpft nach Hause kam, weil es so unterschiedlich war. Dirigiert von ihrer Stimmung, ihrem Empfinden. Mal nah, sehr lustig und fröhlich. Mit Wortwitz und Charme. Dann abwertend und weit weg, sich selbst verachtend und alles in Frage stellend. Tage in der Fixierung. Dann wieder im Unterricht. Am Brief weiter arbeiten. Am Leben weiter arbeiten. 

Was ich mich fragen möchte, das frage ich nicht. Was ich erinnern möchte, das erinnere ich. Was ich gelernt habe mit dieser Schülerin, das bleibt. So wie die guten Momente, die sie mich hat wissen lassen. 

Und ein ungekanntes Gefühl. Stellt sich ein, macht sich breit und wird mir zeigen, dass es gut ist, wie es gewollt ist.

Advertisements