Und ein Schuljahr ist vorbei. Am Ende und fertig. So aufregend und mäßig, lustig und bunt, leise und traurig, launenhaft und fröhlich. Mit Höhen so hoch wie die Sterne und Tiefen so weit unten wie Minustemperaturen im Winter. Und immer dabei. Immer mittendrin. Getragen von dem Willen, Sinniges zu tun und Freude zu schenken. Aufmerksam zu sein und aufzumuntern. Für Ablenkung zu sorgen und Tränen laufen zu lassen. Mit Gute-Laune-Spray die Schüler stutzig und dann fröhlich machen. Zu loben und zu schimpfen. Sie ernst nehmen in allen Belangen. Ehrlich sein und direkt. Dabei klar strukturiert und eindeutig. Zugewandt und offen. Mit Gefühl und Ausdauer.
Geholfen wurde mir bei all dem in diesem Schuljahr von Menschen, die mir zuhören, die meine Artikel lesen und Gespräche mit mir führen. Die still sind vor Erschütterung, vor Rührung oder Freude, die meine Arbeit als Lehrerin loben und schätzen und mir real oder virtuell auf die Schulter klopfen. Das tut so gut. Dafür sage ich oft ein stummes Danke, sage es direkt oder durch die Blumen, die mir damit geschenkt werden.
Darunter gibt es auch Menschen, die meine Nachbarn sind und meine Klasse mit einer großen Kiste an Arbeitsmaterialien voller Stifte, Blöcke, Radiergummis und Textmarkern so sehr unterstützen. Meine Arbeit dadurch erleichtern und mir dadurch mehr Luft und Energie schenken, ein Schuljahr mit Schülerinnen und Schülern dieser Art zu bewältigen. Auch die große Spende einer Person aus diesem Internet hat mich zunächst sprachlos und dann glücklich gemacht. Die genau dann Einsatz zeigte, als es für mich von großen Nöten war. Und meiner Klasse durch ihre Zuwendung und Aufmerksamkeit einen Drucker mit Kopierfunktion und ein Tablet schenkte. Täglich zum Einsatz gebracht, freue ich mich daran immer wieder und bin beeindruckt.

Ich möchte mich bedanken bei all den Menschen, die in großen und kleinen Momenten da sind. Im Lesen, im Zuhören, im Austausch, im Schenken und in der Neugier. All das macht mich auch zu einer glücklichen Lehrerin, die trotz der 146 Schülerinnen und Schülern mit deren sehr traurigen Geschichten und Voraussetzungen, jeden Tag gerne zur Arbeit geht.
Ich benenne meist mit Absicht nicht die genauen psychiatrischen Erkrankungen, weil ich damit nicht die persönlichen Eigenschaften der Schüler verbinden möchte. Die Umschreibungen passen oft besser und gewähren der schriftlichen Auseinandersetzung mehr Raum zum Erfassen der viel größeren Persönlichkeiten, die bei mir in der Klasse sitzen.
Rückblickend auf dieses Schuljahr arbeitete ich wie auch die Jahre zuvor mit jungen Menschen und Kindern die psychotisch waren oder depressiv. Anorektisch oder bulimisch. Borderlinesymptomisch oder bindungsgestört. Drogenabhängig von Alkohol, Tabletten, Cannabis, Speed, Kokain. Spielsüchtig oder aggressiv. Autistisch oder aufmerksamkeitsschwach. Transsexuell oder sexuell übergriffig. Flüchtling aus einem anderen Land oder von der Familie verfolgt. Straßenkind oder von der Familie verlassen. Es gab Suizidversuche auf Station, schwere Selbstverletzungen, körperliche Auseinandersetzungen und viele Tränen. Es wurde auch gelacht, kreativ gearbeitet und am Alltag Teil genommen. Ein Alltag, der so anders ist als der, den jeder Einzelne eigentlich leben sollte. Geschützt und geborgen, wohlwollend und mit einer großen Portion Zuversicht.
Meine Schülerinnen und Schüler arbeiten viel hier im Klinikalltag. An ihrer Persönlichkeit, an ihren Schwierigkeiten, an ihrem Wendepunkt. Und dass sie zusätzlich noch die Kraft haben, einen Schultag mitzugestalten, an ihm Teil zu nehmen und sich vertrauensvoll leiten zu lassen, das bewundere ich sehr. Jeden Tag und immer wieder. Das ist ein gutes Zeichen, ein Hinweis auf das, was noch kommen mag in den jungen Leben meiner Schüler.

Morgen gehe ich in die Ferien und freue mich darauf. 6 Wochen kein Klinikalltag. Keine dunklen Familiengeschichten und Traurigkeiten. Mit viel Draußen und Sonne, Bergen und Wasser. Weg sein von der Ernsthaftigkeit und da sein, wo es einfach ist und leicht.

Und ein Schuljahr ist vorbei. Das nächste kommt. Ich freu‘ mich drauf. Und auch deshalb, weil nach dem dann das Sabbatjahr auf mich wartet.

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