Und das kann ich nicht und möchte ich auch nicht. Von meinen Schülerinnen und Schülern jetzt verlangen, in den Unterricht zu kommen und sich auf banale Dinge einlassen. Sich entfernen von der traumatischen Situation, die sie heute morgen in aller Frühe erlebten, aus der sie nur begleitet wieder heraus finden können. Begleitet von Menschen, die es gelernt haben, andere Menschen in sehr schwierigen Lebenslagen an die Hand zu nehmen und den Ausweg zu zeigen. Damit es sich wieder gut anfühlt, zu sein und zu arbeiten an Dingen, wegen denen sie selber momentan in der Klinik sind.

Das, was meine Schüler heute morgen vor dem Unterricht mitbekamen, ist schrecklich. Eine Notrufsituation in der geschützten Abteilung einer Psychiatrie ist immer bedrückend und emotional beanspruchend. Besonders für die, die es bisher nicht kannten, die es nicht gelernt haben, mit solchen Stimmungen umzugehen. So auch ich, die seit gut 4 Jahren hier arbeitet. Ich kann an solchen Tagen meinen Schülern das Angebot machen, am Unterricht teilzunehmen, versuchen sie abzulenken. Nachdem ich aber heute die Schüler in meiner Klasse sitzen hatte und in ihren Gesichtern fast blind lesen konnte, dass alles Alltägliche gerade weiter weg ist als die Schreie und die Unruhe auf Station, dachte ich um. Sie waren so weit weg, dass ich für mich in der Rolle ihrer Lehrerin entschied, ich kann das nicht auffangen. Und ich möchte das nicht. Hier ist für mich ein Punkt gesetzt, der mir deutlich macht, dass ich dafür andere Instanzen bitten muss.
Und das fühlt sich gut an. Erleichtert von dem Druck, alles annehmen und regeln zu können. Die eigene Stimmung unterdrücken, für andere selbstrücksichtslos da sein und nicht auf sich achten. So was geht nach hinten los auf Dauer. Und tut der Seele nicht gut.
Ich sehe meine Schüler nach Absprache mit der Station heute nach der Pause wieder. Dann haben sie mit Ärzten und Betreuern gesprochen und den Schrecken benennen können. Und dann vielleicht haben sie auch noch ein bisschen Platz für das, was heute in der Schule von ihnen verlangt wird von mir. Nämlich das, was sie sich selbst zutrauen. So wie ich mir zugetraut habe zu sagen, hier mache ich an dem Punkt nicht weiter und da hole ich Euch wieder ab.

Und das kann ich jetzt und das möchte ich jetzt.

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