Und das entscheide ich. Ich alleine entscheide, ob Du das gut gemacht hast oder nicht. Dir sage ich, ob es gut ist, heute mit im Unterricht dabei zu sein oder nicht. Auf mich kannst Du Dich verlassen, wenn Du selber gerade nicht weißt, was Du entscheiden sollst. Welche Stiftfarbe, welche Aufgabe, welche Motivation oder welche Reaktion die Richtige ist. Ich entscheide das für Dich.‘. – ‚Danke.‘

Diese Worte wählte ich heute, als es die Schülerin mit schwerster Bindungsproblematik überhaupt nicht leicht hatte. Ihr Selbstbewusstsein reicht bis in die tiefsten Abgründe, ihr Selbsthass ist sichtbar an zahlreichen alten und sehr neuen Wunden, die sie sich mit den abwegigsten Dingen in die Haut schneidet. Zuletzt noch vor 3 Tagen. So tief und gefährlich, dass genäht werden musste und der Termin in der Chirurgie von ihr zur Flucht genutzt wurde. Eine Flucht, die weniger als eine Minute dauerte. Und sie war wieder da, auf Station, in der Fixierung für einen Tag und eine Nacht. Nach dem Tag Pause kam sie wieder zurück zu uns in den Unterricht und forderte von mir alle Kräfte und Geduld, die man als Lehrerin haben sollte, um einen Schultag bis zum Schluss zu überstehen.
Und für sie war das ein Überstehen. Immer wieder ging es von Motivation über Nullbock hin zu überschwänglicher Freude und tiefer Traurigkeit. Papiere zerreissen. Sich mit Worten schlecht machen, aufhören, weiter machen. Schimpfen, Lachen, Aufstampfen und Schnauben. Freundliche Kommentare und Beleidigungen. Sitzen und vor dem Pult stehen. Ihre Haare streicheln und ausreißen. Lesen und das Buch in die Ecke pfeffern. Sich überwinden und doch weiter machen.
Und mittendrin ihre Mitschüler, die auch krank sind. Andere Krankheiten mitbringen und sich aber doch heute distanzieren konnten von dem Geschehen in der Klasse. Sie arbeiteten ruhig weiter und überliessen mir das Feld für eine intensive Zusammenarbeit mit der Schülerin. Welch Stärke die Schüler damit bewiesen, in ihren akuten Lebenskrisen dennoch so reflektiert und berücksichtigend mit dieser Situation umzugehen, die über 5 Schulstunden ging, dafür habe ich sehr  große Bewunderung.

Als ich der Schülerin dann all ihre Entscheidungen abnahm und mich darum kümmerte, dass sie sich nicht mehr kümmern muss, erntete ich ihr ‚Danke!‘. Und das war ein gutes Zeichen für mich. Für mich, der es jeden Tag aufs Neue überlassen ist mit Schülern zu arbeiten, zu reden, lachen, schimpfen, trösten, loben, spielen, sie zu lassen. Das mache ich so gerne.

Und das entscheide ich. Jeden Tag aufs Neue.

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