‚Und auf Wiedersehen sag ich nicht.‘, sag ich dann zu meinen Schülern, die nach einiger oder weniger Zeit meine Klasse verlassen. Dorthin verlassen, wo es offener ist, an einen Ort, der dem Leben näher steht. Eben näher als der Ort, an dem mein Unterricht statt findet: hinter geschlossenen Türen, hinter dem Gesicht unserer Gesellschaft, ganz weit hinter dem, was einem Leben die Fähigkeit zuspricht

Verabschiedung aus meiner Klasse bedeutet immer ein Schritt in die Unabhängigkeit, Freiheit, Selbstbestimmtheit. In winzig kleinen Schritten, in den meisten Fällen immer noch eng angeleitet durch professionelle Hilfe. Verabschiedung aus meiner Klasse bedeutet auch, dass ich mir bewusst darüber bin, den bis dahin kurzen oder langen gemeinsamen Weg zu beenden und weiter zu machen. Ich in meiner gewohnten Struktur, in meinen festen Banden, die trotzdem oft in bunten Bänder locker schweben, aber dennoch immer mit Wurzel und dem Wegweiser dorthin, wo es mir sicher ist und wo ich zuhause bin. Für die, die in der Psychiatrie die Station wechseln und somit einen Schritt näher dran sind an ‚Normalität‘ bedeutet dies ein Abschied von fest vorgegebenen Strukturen und fürsorglich abhanden gekommener Eigenverantwortlichkeit.

Und dann sage ich ‚Tschüss‘ auf meine Art und betone, dass ich sie oder ihn hier nicht mehr wiedersehen erwarte. Und ernte erstaunte Blicke. Erstaunte Blicke, die ich wiederum besänftige mit Körper und Stimme, Blicken und Worten. Die bedeuten, dass ich mich freue, wenn ich sie außerhalb dieser Institution wieder sehe, dass es gut sein kann, dass man sich wieder sieht. Aber eben lieber an Orten, die dem Leben leichter gewogen sind.

Das sind Orte, die sich durch Zufall und Unvermittelbarkeit direkt ins Bewusstsein manövrieren. So wie heute Abend. Als ich von einem wunderbaren Konzert nach Hause fuhr, zusammen mit meiner Schwester, und dabei von der Stimme der Sängerin und deren Aufrichtigkeit beeindruckt war, so dass ich fast vergaß, in der Bahn ein Ticket zu kaufen. Als ich plötzlich einen Blick wahrnahm, der mir gelten sollte. Fragend und neugierig, mit einer Portion Wissen, das bestätigt wurde durch mein überraschtes Zustimmen der Kenntnis. Eine Schülern, die vor 2 Jahren in meiner Klasse saß in einem Zustand, der wenig das wider spiegelte, was ein Mädchen von 16 Jahren gerne leben möchte. Im Gegenteil.

Heute Abend eine hübsche, junge Erwachsene, die wohl auch vor guter Laune beseelt selber auf dem Heimweg war mit Freunden. Und die mich erkannte. Erkannte und abwägte, bewusst dessen, woher wir uns kennen. Das war ein sehr leiser und intenser Moment. Ich überließ ihn der ehemaligen Schülerin. Sie sollte entscheiden, ob sie mich noch kennen mag. Kennen mag als die Lehrerin, die damals in der Zeit, die ihr am schwersten war, Schule mit ihr machte. Ich spinkste kurz, bemerkte ein fröhliches Wiedererkennen und winkte zurück. Nicken und beiderseitiges Durchatmen, ob der Erkenntnis, dass es gar nicht so arg ist. Der Gedanke an die Zeit von damals.

Solche Momente sind sehr schön. Eine Schülerin zu sehen, mit deren Wiedersehen man nicht rechnet und es sich doch erhofft. Glücklich und mitten im Leben. Mit Freunden unterwegs, hübsch zurecht gemacht und mit der Zusage an die Erinnerung an das, was gewesen ist.

Und Auf Wiedersehen sag ich nicht. Aber ‚Hallo!‘. Und lächle.

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