Und was mich rasend macht, das sind nicht die Schüler. Das sind nicht die Hausaufgaben, die manchmal nicht erledigt werden. Nicht die stimmungsabhängigen Eitelkeiten der Schüler, das Vergessen des Unterrichtsmaterials oder die akute Unlust, die manche mit in den Unterricht bringen. Nein, damit kann ich arbeiten, damit kann ich umgehen und mit Geschick und Pädagogik meinen Arbeitstag so gestalten, dass es am Ende immer hinhaut und alle recht zufrieden in ihren Nachmittag gehen. Mit und ohne Hausaufgaben, aber mit dem guten Gefühl, etwas getan zu haben. Für sich und für mich, für uns und für die Genesung. All das ist händelbar und umgänglich.

Was mich rasend macht sind die die strukturellen Bedingungen, in denen ich als Lehrerin arbeiten muss. Die Gegebenheiten und Umstände, die mir mein Arbeitgeber an die Hand gibt und anhand derer ich einen perfekten Unterricht für eine Schülerschaft aller Arten und Alterklassen planen, umsetzen und reflektieren soll. So wird das von mir erwartet und ich gebe jeden Tag mein Bestes, um dem gerecht zu sein.

Was mich rasend macht ist, dass mir viele Mittel für einen Unterricht fehlen, damit ich den Schülern in ihren Krankheitsphasen gerecht werden kann. Damit ich Gymnasiasten neben Hauptschülern und kleinen Menschen unterrichten kann. So dass alle weiterhin Bildung genießen, obwohl sie erkrankt sind und in einer Klinik.

Um deutlich zu werden: in meiner Klasse gibt es eine Tafel. Und Kreide. Es gibt kein Waschbecken. Es gibt ein Lehrerpult und ein Regal, in dem ich die Schulbücher unterbringen kann. Ein großer, ovaler Tisch lädt die Schüler ein, am Unterricht teil zu nehmen. Es gibt Stifte, die ich ihnen aus einer Nierenschale anbieten muss. Es gibt kein Internet in der Klasse, weil wir keinen PC haben. Ein Laptop habe ich vor 2 Jahren von nugg.ad samt Internetstick geschenkt bekommen. Das ist ein große, große Hilfe. Was ich nicht habe, ist ein Drucker. Weil der Schuletat so gering ist, dass wir haushalten müssen mit unseren Kosten. Da sind Druckergebühren beinhaltet. Die Kopien, die ich täglich für die Schüler mache, werden gezählt und wenn in einem Schuljahr zu viele gemacht wurden, wird man gebeten, im nächsten Jahr mehr auf Sparsamkeit zu achten. Wenn der Kopierer einmal kaputt ist, muss ich aus Restbeständen in meinen Unterlagen arbeiten. Auch wenn ich eine komplett neue Klasse mit fremden Gesichtern und Schulgeschichten vor mir sitzen habe. Da kommt man schon mal gewaltig ins Strudeln. Und ist am Ende des Tages beansprucht, wie nach einem kleinen Marathon. Wie der Bäcker ohne Mehl, die Ballerina ohne Spitzenschuhe und der Rennfahrer ohne Auto. So komme ich mir manchmal vor.

Daraus ergeben sich für mich die Fragen: was ist unser Land bereit, für die Schüler zu tun? Welches Interesse besteht, die Schüler so zu bilden, dass wir am Ende mit ihrem guten Einsatz im Berufsleben rechnen können? Welchen Eindruck macht der Staat auf die Schüler, wenn er so wenig Einsatz und Unterstützung zeigt, durch ausgebildete Lehrkräfte und der ihnen an die Hand gegebenen Werkzeuge adäquate, schülerorientierte Bildung zu ermöglichen? Ich zaubere und strudele, strukturiere mir den Schultag mittlerweile so, dass ich weitestgehend ohne Hilfsmittel den Unterricht durchführen kann. So wie meine Lehrer vor 20 Jahren. Ist das normal? Dass ich eine Generation unterrichte, die digitales Selbstverständnis mitbringt und nicht anders groß geworden ist, als den Rechner anzumachen und Themen zu recherchieren. Ich rückführe diese Generation in eine Zeit, die nicht mehr angemessen ist, die sie nicht vorbereitet auf das, was von ihnen letztendlich und in Prüfungen erwartet wird. Man kann es als Stagnation der Kulturtechniken bezeichnen, man kann es als Blindheit der Verantwortlichen bezeichnen oder man kann es als Naivität sehen. Solange Schulen aller Art nicht ausgestattet sind mit zeitgemäßem Equipment kann der Lehrer noch so engagiert und zielgerichtet arbeiten. Diese Kompensation der fehlenden Werkzeuge kostet ihn eine Menge Kraft und Zeit und macht Ärger und wirft Fragen auf, die niemand konkret beantworten kann. Die Glaubwürdigkeit der Bildungslandschaft sinkt mit jedem eingesparten Cent, der es Schulen und Lehrern verwehrt, so zu arbeiten, wie es dem Schüler würdig ist.

Ändert das. Bitte.

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