Und nur ein Berg aus Gold kann dem entsprechen, was der Kalif aus Bagdad Karl dem Großen mit dem Elefantengeschenk gemacht hat. Aber selbst das kommt nur annähernd an den Wert und den Aufwand dran. So was gibt es heute nicht mehr.‘ antwortete heute der Schüler auf meine Frage, ob es einen ähnlichen Wert heutzutage gäbe, der dem weißen Elefanten Abul Abas, der zu Fuß nach Aachen kam, entsprechen könnte. Glauben wollte er das nicht, diese Geschichte sei doch erfunden und ausgedacht. Eine nette Art zu sagen, dass jemand so große Macht hatte, dass er Elefanten aus dem Morgenland über die Alpen schicken könnte. Der Junge, der mit seinen 14 Jahren selbst einen großen und langen Weg vor sich hat. Den Weg des Drogenentzugs und der Kontaktsperre zu seinen geliebten Großeltern, Freunden, zu seinem Leben. Einen Weg, den er hoffentlich nur einmal gehen müssen wird. Und auf dem ich einen Stück mitgehe, vormittags mit Mathe und Deutsch und Englisch. Mit Lob und Begrenzung, Geduld und Spaß.

Sein Vergleich mit dem Berg aus Gold sollte mir heute direkt nach der Schule und kurz vor dem Wochenende noch einmal in den Kopf kommen. Unangemeldet und doch eindeutig. So klar, dass ich allein schon das als Geschenk sehe. Als ich mich nach einer schwierigen Woche auf mein Fahrrad setzte und los wollte, die Klinikschule hinter mich bringen und damit auch der Ärger um strukturelle Schwierigkeiten und Zeitdruck, da kam mir ein ehemaliger Schüler mit seiner Mutter auf dem Gelände entgegen. Ihn hatte ich vor 3 Wochen aus der Klasse verabschiedet, da er stabil genug war und von der Intensivstation auf eine offene Station verlegt wurde. In der Klinik, weil er mit seinen 12 Jahren so sehr mit dem Leben im Streit stand, dass er sich einen Strick nahm und aufhängte. Wenn da nicht seine kleinen Zehen gewesen wären, die ihn das Leben nicht nehmen lassen wollten. Er überlebte und saß 3 Tage später bei mir in der Klasse. Still und zurückhaltend, und doch neugierig und offen für das, was ihm da angeboten wird. Dankbar um Ablenkung und Anspruch, in Ruhe gelassen werde und gelobt werden. Und staunend bei dem ersten Einsatz des Gute-Laune-Sprays, das ich immer dann einsetze, wenn ein Schüler traurig ist. Seine Tränen so leise kullern, dass selbst sie schüchtern wirken. Erstaunt über die schnelle Wirkung und seine tatsächliche Stimmungsverbesserung, bat er mich an den folgenden Tagen immer wieder, den Spray zum Einsatz kommen zu lassen, damit er durch- und einatmen konnte. Rechtzeitig, so dass die Tränen gespart blieben und der Sinn wieder da war.

Und als ich ihm heute begegnete, winkte er mich vom Fahrrad runter, sagte Folgendes mit einem Strahlen im Gesicht: ‚Frau Knixibix, wissen Sie was? Ich war grad eben mit meiner Mutter, die auf Besuch da ist, einkaufen. Ich habe das Gute-Laune-Spray gekauft!‘ Und machte mir damit ein Geschenk, von dem ich überrascht war, weil nicht erwartet und ein Volltreffer war. Was das für ein Gefühl ist, jemandem, der lebensmüde war, mit einer kleinen Idee eine Richtung gegeben, einen Lösungsweg angeboten und eine Freude gemacht zu haben, das ist ein sehr, sehr schönes. Das kommt mitunter und dann unverhofft, stellt sich ein und gluckst im Bauch, macht gute Laune und lässt Tränchen aufsteigen, die sich an andere Stelle vielleicht aufgespart haben. Der Schüler versicherte, er würde den Duft immer sprühen, wenn es ihm nicht gut ginge  und freute sich offensichtlich über meine Freude. Und Freude überall.

Dieses Erlebnis und manche andere sind goldene Berge, die mir in meinem Beruf geschenkt werden. Von Schülern, mal mehr und mal weniger krank, aber immer mit Ehrlichkeit und Verbindlichkeit. Ohne Schnörkel und lange Gedanken. Geradeheraus und mit klaren Worten. So, dass es direkt ankommt dort, wo es bei mir gut aufgehoben ist und sich einen Platz einrichtet und von da aus vergnügt mit mir in die Welt schauen kann. Vielleicht auf einen Berg aus Gold.

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