Und schwierige Tage kennen wir alle. Nennen wir alle und meinen doch jeder was anderes. Schwierige Tage sind mal ernster und mal weniger. Sie enden meist in der Hoffnung auf einen guten Tag, der folgt. Die Hoffnung, die uns treu war bisher, die alles ins Rechte gelenkt hat und uns vertrauen hat lassen. Sodass wir schwierige Tage meistern und weiterblicken auf die kommenden Wochen und Monate und Jahre. Wenn bisher alles soweit gut lief in unserem Leben wie wir es erinnern können.

So nicht bei dem Schüler in meiner Klasse, der heute einen schwierigen Tag hatte. Wenig Möglichkeit, auf eine Reserve an Hoffnung und Zuversicht zurück zu greifen. Wenig Aussicht auf die kommenden Wochen, in denen es besser werden soll. Denn der Schüler wurde heute entlassen zurück in seine neue Einrichtung. Geschlossen untergebracht mit massiven Einschränkungen, so dass er fürs erste vor sich geschützt ist und dass auch andere nicht in Gefahr geraten. Er kennt diesen Ort. Er kennt ihn, weil er vor 2 Wochen schon einmal entlassen wurde. Da hat er es aber nicht lange ausgehalten, lernte ‚Mitbewohner‘ kennen, die ihm erzählten, dass sie ein Jahr da sein werden. Vielleicht auch länger. Vor Schreck und sicher auch Angst riss er nach 2 Tagen aus und stand spät abends wieder vor den Türen der Psychiatrie. ‚Weil es hier besser ist und weil ich mich hier wohl fühle.‘

Als er dann wieder in meiner Klasse saß, nachdem ich ihn ja in der Woche zuvor verabschiedet hatte, ließ er durchblicken, in welchen Umständen er dort geplant ist, unterzukommen. Den Erzählungen zu Folge nicht erstrebenswert. Gar nicht. Immer wieder erzählte er davon, wie schrecklich es war, die 2 Tage alleine in diesem Zimmer mit einer Stahltür ohne Klinken sitzen zu müssen. Mit der Aussicht, so lange dort zu bleiben, dass es für ihn nicht vorstellbar war.

Konsequenz auch für ihn. Der Tag der Rückkehr in die Einrichtung stand an. Und der war heute. Arg besorgt saß er in der Klasse. Eigentlich den Kopf voller Gedanken, die sich sicher kreisten um die Bilder, die er sich in dem neuen ‚Zuhause‘ schon malen und speichern konnte. Bilder, die er auch heute noch einmal los werden wollte und sie uns in kargen Farben erzählte. Und dabei mit einer Art und Offenheit seine Würde bewahrte. Eine bewundernswerte Stärke, die der Schüler, der Junge, der Patient an den gefürchteten Tag legte. Vor seinen 5 Mitschülern seine Ängste aussprach und auch mir erzählte, was in seinen Gedanken ‚da so grade krass abgeht.‘ Und da kommt dann wieder eine Situation für mich als Lehrerin, die so für mich noch nie da war und die aber so wichtig, weil schwierig ist. Richtig zu reagieren, den Jungen ernst zu nehmen und zu bestätigen, dass es dort sicher erst einmal nicht schön sein wird. So zu reagieren, dass er verifizierbare Vorschläge anhört und annehmen kann. In die Augen sehen und deutlich sein. Mit ruhiger Stimme und ruhigem Blick, weil ich in meiner Position sicher sein kann und er mir in seiner Zeit bei uns in der Klasse gezeigt hat, wie sehr er sich zusammen reißen kann, obwohl es ihm gerade ‚extrem beschissen‘ geht. Mathe machen, englische Vokabeln lernen, Europarätsel lösen. Konzentriert, ausdauernd, motiviert und clever.

Und das zeigte er Tag für Tag und Woche um Woche. Konstanz und Verlässlichkeit. Freundlichkeit und Interesse. All das, was er gut brauchen kann für die nächsten Wochen in der Einzelzelle mit sich allein, mit Mitbewohnern und Erziehern. In so einer Situation lasse ich den fachbezogenen Unterricht ruhen, wende mich dem Schüler zu und merke selber nach, was gerade wohl richtig ist zu sagen, zu machen, zu schauen, zu hören. Denn die Vorstellung, heute raus aus einer gewohnten Umgebung, in der ich Zuspruch, Lernerfolge und Anerkennung erfahre, hinein in eine Atmosphäre, vor der ich mich fürchte und am allermeisten vor mir selbst, diese Vorstellung ist auch für mich und ich nehme an für alle unfassbar. Was ich dem Schüler noch mit auf den Weg raus und rein in die Einzelzelle mitgab, das war seine Erfahrung, die er auch bei uns in der Klinik zu Beginn machte: ungewohnt und ätzend, keine Minute da sein wollen und bloß schnell weg hier. All das wandelte sich am allermeisten aus seiner alleinigen Kraft heraus in eine Energie, die ihn vor mir als einen sympathischen und aufgeschlossenen Schüler mit ordentlichem Dreck am Stecken der Vergangenheit wahr nehmen ließ. Und während seiner ganzen Zeit in meiner Klasse als Schüler kennenlernen ließ, mit dem man sehr gerne arbeitet. ‚Das würde ich Dir gerne hinter die Ohren schreiben, damit Du das nicht vergisst!‘ – ‚Ok, haben Sie einen Edding? Und schreiben Sie leserlich, ich kann Ihre Schrift so schlecht lesen!‘

Und schwierige Tage wie dieser gehen langsam zu Ende. Mit Wünschen und Gedanken und hoffentlich einem Blick in den Spiegel, ob hinter den Ohren nicht vielleicht doch was zu sehen ist.

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