Und wie ich mich vorbereite auf morgen, das verrät meist der Vortag. Am Tag selbst, der mich mit jungen Menschen arbeiten und neue kennen lernen ließ. Menschen, denen es derzeit nicht gut geht, so sehr  nicht gut, dass sie Hilfe und Unterstützung von Außen brauchen. Ein Außen, das in sich klar und vorgegeben strukturiert ist, so dass es Stütze sein kann für die, die nicht mehr aufrecht am Leben sein können.
So wie der Schüler, den ich heute in einem ersten Schulgespräch unter vier Augen kennenlernte. Mit ihm das Wesentliche besprach, so dass wir beide ab morgen einen Unterricht gestalten können, der effektiv und unterstützend ist. Ein Unterricht, der behutsam den Weg zurück in den Alltag lenkt, wieder auf den Weg, den es lohnt zu leben ohne Angst und Traurigkeit. Dabei spielt Schule eine Rolle. Und zwar genau die Rolle, die diesen Schülern eine Normalität geben soll. Sich mit weltlichen Dingen beschäftigen, mal gerne, mal weniger gern. Ablenkung und Ressourcen entdecken, sich selber aufpäppeln und beweisen, dass der Kopf noch funktioniert, obwohl da oben drin grad so viele Gedanken sind. Solche, die nur sehr schwer zu verpacken sind in eine Kiste schlechter und schlimmster Erfahrungen. Eine Kiste, die sich ins hinterste Eck der Erinnerung schieben soll. Damit sie da bleiben möge und nie mehr gefunden und geöffnet werden kann.
Der Junge, der morgen an meinem Unterricht teil nimmt, hat vor Jahren schlimmste Erlebnisse gelebt. Von einem Fremden schwer missbraucht und mit dem Tod bedroht, falls es er das jemals erzählen würde. Noch keine 10 Jahre alt. Und still geblieben, nichts gesagt und statt dessen weiter gelebt. Solange weiter gelebt bis er nicht mehr ausschließen wollte, diesem Leben keine Chance mehr zu geben.
Und wie ich mich vorbereite auf den Unterricht morgen mit ihm und den anderen 4 erkrankten Mitschülern, das ist eine leise Sache: ich spitze die Ohren, putze die Brille, krame ein wenig in meinem Herz nach Platz, um mit vielen Sinnen erfassen und reagieren zu können auf das, was gebraucht, verlangt, gewünscht wird. Und zwar von dem, der es laut sagt und direkt, der es durch Blicke sagt, der es durch Poltern und Verweigerung zum Ausdruck bringt. So vielfältig wie die Menschen, so vielfältig die Art, die mir verrät, was zu tun ist.
Vielleicht ist es Prozentrechnung, vielleicht eine Frage, vielleicht ist es ein Ankommen lassen.

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