Und was ADHS mit Willkür zu tun haben kann, das möchte ich hier erläutern. Erläutern aus dem Grund, weil ich als Lehrerin an einer Krankenhausschule arbeite und somit nahe an Diagnosen und Behandlungsmethoden von auffälligen Schülerinnen und Schülern bin. Manchmal ist das so nah, dass ich Einfluss nehmen kann durch Beobachtung und Hinweise, Erkenntnisse und Aufschlussreiches. Eben all das, was ein Schüler an Merkmalen und Besonderheiten zeigen kann, wenn er an 5 Tagen in der Woche jeweils 5 Schulstunden mit mir und der kleinen Klasse an einem runden Tisch sitzt und arbeitet.

Viele Schüler sind in der Klinik, weil sie in der Schule und Zuhause auffällig sind, aus dem Rahmen fallen und eigentlich ständig anecken. Anecken an einer Gesellschaft, die vorgibt, was zu sein hat und was nicht. Eine Gesellschaft, die sich schlau nennt und sich Kinder und Jugendliche in einer Raster wünscht, so dass sie am Ende geformt und genormt den Alltäglichkeiten stand halten können.

Das sind Kinder, die wahrnehmungsintensiv und handlungsbereit sind. Kinder, die interessiert sind und viele Sinneseindrücke sofort aufnehmen möchten und es selber nicht geordnet bekommen. So viele Eindrücke durch Schule, Erziehung, Freunde, Medien, Hormone. Alles gleich laut, alles gleich stark. Den meisten Kindern gelingt es, diese Reize zu selektieren und leben zu können, so dass sie bestehen können und weiter kommen. Und manchen eben nicht. Sie werden abgelenkt, die Rahmenbedingungen sind schlecht, wenige wissen, welche Umstände Symptome an ihren Wurzeln lindern können. Und es geht dabei primär um die Defizite eines Kindes und nicht die einer Gesellschaft. Eben so wenig um die eigentlichen Ursachen, die ein Verhalten mit sich bringt, das sich ADHS nennt.

Wenn ein Schüler in meine Klasse kommt und ich in den ersten Tagen mit ihm arbeite unter meinen Rahmenbedingungen einer sehr kleinen Klasse, einer deutlichen Tagesstruktur und einer Atmosphäre, die auf Wertschätzung und Anerkennung fußt, werde ich von Ärzten nach einer Meinung gefragt. Meine Meinung, ob dieser Schüler Verhalten zeigt, dass auf ADHS hinweist. Dafür gibt es auch Beobachtungsbögen, die ich ausfülle. Ausfülle, wenn es der Arzt oder die Ärztin angeordnet hat. Falls nicht, bleiben mir die täglichen, mündlichen Übergaben auf Station, in denen ich von möglichen oder eben nicht auftretenden Verhaltensweisen berichten kann. Das wiederum wird von den Erziehern an die Ärzte weiter gegeben.

So wie mit meinem Schüler kürzlich. Der in meiner Klasse saß, mir übergeben als schwieriger, delinquenter Jugendlicher, der die Schule nur unregelmäßig besuchte und generell sehr pädagogisch intensiv im Umgang sei. Vorbereitet auf den ‚Knaller‘ saß da ein Junge, der schließlich motiviert und willens war, am Unterricht teil zu nehmen und viel zu lernen. Rückfragen zu stellen, Lob einzuholen und anderen Mitschülern anhand seines Wissens zu helfen. Situationskomik und Geschick im Umgang mit Menschen machten es nahezu zu einer Freude, mit ihm zu arbeiten und zu sehen, wie sehr er selber Spaß am Lernen entwickelte. 5 Schulstunden am Tag, eine Pause von 20 Minuten, 2 Wochen lang.

Bis er dann an einem Morgen sagte, er habe jetzt Medikamente bekommen und sei etwas müde. Rückfragend auf Station erfuhr ich, dass er ab jenem Tag auf Ritalin eingestellt wurde. Diagnose ADHS. Und in meinem Kopf ein Chaos. War ich doch erfahren darin, dass man zur Feststellung dieser Erkrankung Rückmeldung einholt aus allen Bereichen, in denen ein Patient oder Schüler ist, lebt, agiert. Sich präsentiert, verkauft, bemüht. Mit dem Vertrauen, dass er in der Klinik das bekommt, was ihm als Menschen zusteht: Aufmerksamkeit. Irritiert von der undurchsichtigen Situation stellte ich im Stationszimmer viele Fragen. ‚Wurde weiter gegeben, dass ich ihn in der Schule als konzentriert, ausdauernd und motiviert hielt? Warum wurde kein Schulbeobachtungsbogen vom Arzt angeordnet? Gibt es nicht Standards, die zur Untermauerung dieser Diagnose fest stehen? Was kann ich denn jetzt noch tun? Auf welchen Beobachtungen fußt die Diagnose?‘ Und ich bekam Antworten.

Antworten, die mich in den letzten Tagen sehr viel zum Nachdenken gebracht haben. Antworten, die ich so nicht hören wollte und doch nicht ändern kann: der Junge zeigte nicht genügend Verhaltensauffälligkeiten für ein ADHS auf der Station selbst, daher wurde der Bogen vorzeitig abgesetzt. Der Arzt hat den Schulbeobachtungsbogen nicht angeordnet, man wisse auch nicht warum. Standards gäbe es, aber es ist nicht so klar, warum ich als Lehrerin bei dem einen Schüler um Rückmeldung gebeten werde und bei dem anderen nicht. Was ich noch tun kann: mich nicht ärgern, das ist der Gang der Dinge und manchmal kann man etwas nicht ändern. Ein Gespräch mit dem Arzt würde zu nichts führen, er halte den Jungen für einen ‚Knaller-ADHSler‘. Gesehen und beobachtet hat er ihn für ca. 25 Minuten. Die Beobachtungsbögen, auf denen er unauffällig war, außer Acht gelassen, dafür die Zeugnisse der vergangenen Jahre (!) angeschaut und dabei fest gestellt, dass die Noten ein Hinweis auf ADHS seien. Weitere Verhaltenspunkte aus seiner Anamnese dazu getan. Und fertig ist die Diagnose.

Und ich stehe da. Fühle mich dem Schüler gegenüber verantwortlich, sehe keinen Sinn in der Feststellung des Arztes und unterrichte seitdem einen Schüler, der unter der Ritalingabe ebenso an seinen Schulaufgaben arbeitet wie vorher. Nur dass er müder ist, sich die Augen öfter reibt und vermehrt Durst hat, den Stempel ADHS im Lebenslauf und mir zwischendrin die Frage stellt ‚Und was bringt mir jetzt das Medikament?‘

In den Jahren, in denen ich als Krankenhauslehrerin arbeite, sind mir schon viele Kinder und Jugendliche begegnet, habe ich schon mit einigen zusammen gearbeitet, auf die die Diagnose ADHS zutrifft und die ich als Lehrerin auch guten Herzens mitgehen kann.  Eine Medikamentengabe ist hier notwendig, um Symptome zu lindern, Alltag erträglich zu machen. Aber nicht der Heilung dienend. Eben nach den Empfehlung von Helmut Bonney:

Die Arznei soll die letzte Waffe bleiben, wenn andere Therapieversuche scheitern.‘

Mitunter aber passieren eben diese Fälle wie oben beschrieben. Das macht mich hilflos und staunend zugleich. Ist das die Einfachheit, die wir mitgehen wollen?

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