Und so was passiert auch in meinem Job: dass ich meine Schüler von der geschützten Station abhole und mit ihnen in meinen Klassenraum gehe. Erwartungsfroh dessen, was uns der Schulvormittag bringen mag. Plötzlich gebremst durch die augenscheinliche Tatsache, dass es einer Schülerin überhaupt nicht gut geht. Sie wirkt apathisch, ihr Gesicht versteinert und ihre Bewegungen statisch. Und dann sehe ich frische Strangulationsspuren an ihrem Hals. Um den Hals trägt sie eine Kette aus Lederband mit einem Speckstein als Schmuckstück. Den hatte sie von einer Mitpatientin geschenkt bekommen, die vor einiger Zeit entlassen wurde. ‚Die Kette soll mir Glück und Kraft geben!‘ hatte mir die Schülerin vor ein paar Tagen fröhlich erzählt. Die Kraft aber versuchte sie heute morgen vor der Schule anders einzusetzen. Gegen sich und ihr Leben. Gegen das Gesundwerden und das Abstoßen der schweren Erkrankung, die sie seit Monaten schon auf der Station ausharren lässt.

In solchen Momenten wird mir wieder bewusst, wie schwer krank meine Schüler sind. Das rückt an einem Schultag oft in den Hintergrund. Weil gearbeitet wird und gelacht, erzählt und nachgedacht, verweigert und sich gefreut wird. All das, was eine Schule außerhalb eines Krankenhauses eben auch bieten kann. Dieser Tag also als Marker für mich. Eine Erinnerung an die Ernsthaftigkeit dessen, was uns alle dort zusammen an einem Tisch sitzen lässt.

Ich schließe der Schülerin die Tür zur Station umgehend wieder auf mit der Bitte, ihren Hals einem Betreuer zu zeigen. Damit dieser Bescheid weiß und handeln kann. Aber ich sehe, wie sie ins Bad geht, weiter kann ich nicht sehen und ich stehe dabei mit dem anderen Bein in meiner Klasse. Da sitzen noch 2 Schüler, die ebenfalls in der Klinik sind, weil sie versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Heikel wie diese Situation für mich ist, entscheide ich, die Station anzurufen und nach der Schülerin zu schauen. ‚Bitte, dringend.‘ Mit dem Wissen, dass noch 4 weitere Ohren im Raum sind und neugierig auf das, was da gerade geschah. Ihre Sensibilität ist schwer einschätzbar, sie lassen sich aber nichts anmerken und gehen den Schultag an wie den Tag zuvor auch. Fleißig und konzentriert, bemüht und interessiert. All das erleichtert auch mir den Wiedereinstieg in einen ganz normalen Schultag.

Und weil ich weiß: so was passiert auch.

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