Und wenn der Druck nachlässt, geht es besser. Schmerzen die Füße nicht mehr, die in zu engen Schuhen liefen, pocht der Arm nicht mehr, wenn die Blutdruckmanschette abgenommen wurde. Der Atem wird spürbarer, Erleichterung tritt ein und Leben kann gewendet werden. Druck ist ein Notzustand in jeder Weise.

So wie bei meiner Schülerin heute, die bekanntlich vor 2 Wochen ihrem Leben ein Ende setzen wollte und dank schneller Reanimation der Stationsmitarbeiter wieder zurück kam und seitdem weiter machen kann. Weiter machen, weiter arbeiten, weiter leben. Seitdem die Schülerin in meiner Klasse war , merkte ich immer wieder, dass sie für ihre Lernstufe doch recht mühsam die Matheaufgaben rechnete. Das kleine Einmaleins plötzlich nicht konnte, wenn ich neben ihr stand. Den englischen Fließtext nicht bearbeitete, wenn sie in der Klasse saß. Das alles wollte sie immer mit auf Station nehmen und als Hausaufgaben machen. Was sie auch oft tat. Ohne dass zugesehen wurde, ohne dass jemand mitbekam, dass diese Schülerin kleine, clevere Hilfsmittel einsetzte und sicherlich sehr lange an den Aufgaben saß. So vermutet von mir, weil meine Beobachtungen aus dem Unterricht auf nichts anderes schließen konnten.

In meiner kleinen Klasse nahm sie eine Woche nach dem Suizidversuch wieder am Unterricht teil. Sehr angespannt und hektisch. Sie habe doch noch so viele Ziele in ihrem Leben vor. Alles beginnen, nichts zu Ende zu bringen, sauer werden, weil die Bruchrechnung nicht klappt und die Hefte für die 10er-Abschlussprüfung noch nicht von zu Hause geliefert wurden. Traurig nicht auf der Abschlussfahrt dabei sein zu können, aufholen, was sie bis dahin in ihrer Schule verpasste. Emotional eine Achterbahnfahrt, die so hoch fuhr und so tief fiel, dass es kaum reichte, eine Bremse zu ziehen. Der Stundenumfang wurde für sie gekürzt, eine Grenze gesetzt, an deren Übergang sie am Schlagbaum verschnaufen konnte. Um am nächsten Tag wieder mit einem Lerntempo zu beginnen, das sich überschlagen wollte und so zu keinem Ergebnis führte. Und immer wieder die Bitte, ihr nicht über die Schulter zu blicken, Hilfe anzubieten. Und immer wieder mit Weinen und Verzweiflung, die ebenso schnell wieder von einem ‚Eigentlich ist doch alles perfekt!‘ zu übertrumpfen versucht wurden. Ohne die erhoffte Entlastung.

Und endlich heute ließ der Druck nach. Der Druck, der sich über 10 Schuljahre aufbaute und nicht gesehen wurde. Der eskalierte und beinahe tödlich endete. Er hat sich heute verringert und ist mit der Zahl geschrumpft, die das Testergebnis der Lerndiagnostik durch die Psychologin ergab. Ein Wert, mit dem es sich schwerlich und unter großer Anstrengung bis in die 10.Klasse durcharbeiten lässt. Ein Wert, der nur eine Zahl ist. Und doch so viel in den letzten Jahren mit sich brachte.

Für mich als Lehrerin war dieses Ergebnis wichtig. Es war eine Bestätigung dessen, was ich seit Wochen vermutete und was mich den Unterrichtstag mit der Schülerin nun so gestalten lässt, dass ich sie fördern kann. In einem Tempo, das ihr angemessen ist, das sie gehen kann und auch möchte. Lerntechniken an die Hand geben, Fingermudras einsetzen bei Unwirschigkeit und Ungeduld sich selber gegenüber, Gute-Laune-Spray für ein Lächeln und vor Allem Lerninhalte so anpassen, dass sie wahr genommen und behalten werden können. Auf einem Level, das ebenso beachtenswert ist, wie jedes andere Lernlevel in diesem Schulsystem, das mir auch heute wieder viele Fragen aufgeworfen hat: wie kann es sein, dass es Schüler und Schülerinnen gibt, die sich bis in die 10.Klasse durchpauken können, ohne dass jemandem diese anstrengende Lernhaltung auffällt? Wie gefährlich das sein kann, das habe ich erfahren. Ich will das nicht. Ich will, dass frühzeitig erkannt wird, in welchem Dilemma manch ein Schüler steckt. Ich will, dass sich was ändert im Schulsystem. Und zwar so, dass Kolleginnen und Kollegen an Schulen aller Art die dringend notwendige Zeit für den einzelnen Schüler haben: kleinere Klassen überall. Mehr Zeit für feines Hinsehen und Handeln. Neben all den wichtigen technischen Ausstattungen einer Schule darf die Zwischenmenschlichkeit und Aufmerksamkeit der Zusammenarbeitenden nicht durch eine unzumutbare hohe Klassengröße verhindert werden. Mehr Geld für unser Bildungssystem, mehr Geld für Lehrerstellen. Das wäre ein Anfang. Und zwar bitte schnell.

Und wenn der Druck dann nachlässt, dann hat sich was getan. Ich hoffe so.

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