Und was jetzt genau hilft, ist schreiben. Schreiben darüber, was hier gerade passiert. Was passiert ist gestern, und wie es weiter geht heute. Am 5. Tag im neuen Schuljahr mache ich vorerst keinen Unterricht. Das ist bisher noch nicht passiert, muss besprochen werden und bedarf der Reflexion. Vorerst mache ich keinen Unterricht, weil ich eben erfuhr, dass eine meiner Schülerinnen gestern versucht hat, sich zu suizidieren. Auf Station, mit einem alltäglichen Gegenstand und mit dem Ergebnis, reanimiert werden zu müssen. Sehr knapp war es. Die Schülerin, die gestern fröhlich und motiviert im Unterricht saß und davon träumte, schnell wieder nach Hause zu kommen. Die Schülerin, die mich fragte, wie lange sie noch in der Klinik sein muss und ich nur antworten konnte, dass ich das als Lehrerin nicht sagen kann. Und falls es noch eine Weile dauern würde, wir uns weiter sehr gut mit ihren gravierenden Mathelücken beschäftigen könnten. So banal. Und so nah am Leben dran. Und noch näher am Tod.

Meine Rolle als Lehrerin einer Klasse auf der Intensivstation einer Psychiatrie ist nicht untermauert  mit psychologischer Betreuung. Keine Inhalte im Studium, das Referendariat schloss mit den Worten ‚Sorgen Sie für sich selbst!‘. Und genau das habe ich heute getan und mache ich gerade jetzt. Die Station bat ich darum, die Schülerschaft, die heterogen über das Ereignis informiert ist, auf einen Kenntnisstand zu bringen. Sie damit begleiten und ihnen Raum geben, sich Hilfe und Gespräche zu suchen. Als Lehrerin kann ich das nicht tragen und möchte das nicht. Die eigene, schwere Betroffenheit hintan zu stellen und gar zu überspielen, das geht nicht auf. Das kommt wieder. In Träumen und Gedanken, in Erschöpfung und Fragen. Unterricht kann statt finden, wenn alle Beteiligten in der Lage sind, sich mit gesellschaftlichen Ansprüchen adäquat auseinander zu setzen. Gedanken über den Selbstmordversuch der Zimmernachbarin sind da zunächst präsenter und lassen alle Anforderungen aus schulischer Sicht blass erscheinen. So blass, dass mein gelbes T-Shirt selbst an Farbe verliert und ich mir meinen Kopf gerne mit anderen Gedanken füllen möchte. Aber das ist schwierig. Heißer Tee hilft. Und das Klackern der Tastatur, das mir verspricht, mit jedem geschriebenen Wort ein bisschen leichter zu werden und freier atmen zu können.

Der Unterricht wird heute nach der Pause beginnen. Behutsam und berücksichtigend. Aufbauend und perspektivisch. Mit Schülerinnen und Schülern, die selbst hier sind, weil sie dem Leben ein Ende setzen wollten. Mein Versuch wird es sein, der kleinen und nahen Zukunft gerecht zu werden und vorausblickend die Farben ins Lebens zurück zu holen. Damit sie kräftigen können und Mut machen. Den Tag annehmen und erkennen, dass der Morgen wieder ein weißes Blatt Papier sein wird, das bemalt, beschrieben und benutzt werden kann. Mit Füller und Kugelschreiber, Buntstiften oder Fingermalfarben. In Englisch, Mathe, Deutsch. Erdkunde, Kunst und Geschichte. Jeder, so wie er es braucht.

Und wenn die Schülerin zurück kommt, dann fange ich auch wieder mit ihr an. Ganz von vorne und mit Mathe.

Und was mir jetzt half, war schreiben.

 

NACHTRAG:

Wie es sich anfühlt, in den Unterricht zu gehen, nachdem alle Patienten erfahren hatten, was am Vorabend geschah, das habe ich heute gelernt. Es ist wie ein Neuanfang. Fühlt sich unverbraucht und ganz unbemalt an. Jeder beteiligt sich nach seinem Ermessen und das was mich besonders fasziniert, ist die Kraft und der Wille, an jedem einzelnen und individuellen Punkt weiter zu arbeiten. Trigonometrie, Berufskunde, Multiplikation. Aufmerksam und behutsam durch den Schulvormittag gelenkt. Meine Rolle als Lehrerin habe ich derweil innig reflektiert, nachgespürt, ob das alles richtig ist. Die Schüler jetzt mit Dingen zu beschäftigen, die weiter nicht weg sein könnten. Mehr Aufsiezugehen oder Stillesein? Hilfe anbieten und Pausen ansetzen? Aber das machen die Schüler von selbst. Zeigen in solchen Momenten, die sich nachspüren wie aus der Alltagslaufbahn geworfen, genau das, was sie von mir als Lehrerin erwarten. Struktur und Klarheit. Ansprachen und Zurücknahme. Und so ließ ich es laufen in stiller Bewunderung uns allen gegenüber.

Und dann die Schreie im Schleusenflur. Laute, lange und immer wieder kehrende Schreie. Im Schulraum bis in die letzte Ecke hörbar. Blicke werden ausgetauscht, ich versichere, dass niemand ohne Schlüssel von außen in unseren Raum kommen kann und biete an, Musik anzuschalten, damit die Angst nicht in den Schülern hochkriecht. Dankend wird das abgelehnt. Stumm arbeiten sie an ihren Aufgaben und sagen weiters nichts. Bis eine sagt: ‚Das ist sie. Sie ist wieder da.‘

Was für ein unheimliches Gefühl sich damit einstellt und als völlig neu in Erinnerung bleiben wird: wie gut, dass ich sie hören kann.

Wie gut, dass ich sie hören kann.

 

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