Und Sprüche klopfen ist Alltag. Gehört dazu, lockert auf, dreht sich im Kreis und zählt. Sprüche werden geklopft aus dem Nichts, ohne Hintergedanken und Absicht. Einfach so. Einfach gemeint. Was bleibt, ist ein gesagter Satz, der nicht weiters beachtet, gewertet und gespeichert wird. Hier und da. Leicht getan. Nachhalllos.

Hier aber nicht. Nicht hier, an dem Ort wo ich Lehrerin bin. Der Ort, der Geschichten in sich birgt und Wahrheiten trägt, die schwer zu ertragen, zu verkraften und zu verarbeiten sind. Sie wiegen eine Menge, legen sich oft aufs Gemüt und zeigen sehr deutlich, dass Grenzen erreicht sind und ihre Übergänge nur mit Müh und Not, Auseinandersetzung und Richtungswechsel geöffnet werden. Damit sich ein Leben zeigt, dass besser ist und gut tut.

Manchmal ertappe ich mich dabei, im Unterricht zu reden, viel zu reden. Die Schüler und Schülerinnen den Vormittag über im Unterricht mit Geschichten und Lehrstoffen zu beschäftigen, ihnen Herausforderungen anzubieten und mit ihnen Abwechslung zu leben. Und wer redet, klopft Sprüche.

Situationspassende, aber dennoch ungeeignete Sprüche kommen da ab und zu in den Sinn. Die ich zu klopfen wage in meinem privaten Leben. Die ich nicht zu klopfen wage im Unterricht. Auch wenn sie mir fast über die Lippen huschen. Ohne Hintergedanken, wohlwollend eigentlich, aber gespart, weil genau unpassend für den einen Schüler oder die andere Schülerin. Rechtzeitig erkannt, wenn teils auch sehr knapp.

Da ist zum Beispiel die Schülerin mit Essstörung, die sich langsam wieder an ein adäquates Portioneneinteilen der Mahlzeiten gewöhnt. Kleinschrittig und mit viel Arbeit. ‚Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.‘ zu sagen, wenn Mut gemacht werden will, eine Aufgabe zu ende zu schaffen, ist hier falsch, war aber schon fast gesagt.

Oder die Schülerin, die sich durch massive Selbstverletzungen ihrer Selbst vergeblich bewusst zu werden versucht. Hausaufgaben verweigern, Unterrichtsangebote nicht annehmen, damit konfrontiert sie sich und mich mit ihrer Lage. Ihr zu sagen, dass sie sich ‚damit ins eigene Fleisch schneidet‘, liegt einem als Lehrender einer Regelklasse womöglich in solch Situation auf den Lippen. Wäre an dieser Stelle dem Entwicklungsprozess während des Klinikaufenthaltes der Schülerin aber wenig förderlich. So zum Glück rechtzeitig gedacht.

Oder dem Schüler, der seinen Vater nach einem Suizid durch Erhängen tot aufgefunden hat, wohlwollend ans Herz legen zu wollen, die Mathelösungen aufzuschlagen, falls die Aufgabe zu schwierig ist. ‚Falls alle Stricke reissen.‘ Nicht gesagt und selbst beim Erkennen des Zusammenhangs gedanklich erschauert.

Oder dem Schüler, der seinem Leben nur schwer nicht kein Ende setzen kann, die Plakate des Namensgebers unserer Schule mit dem Hinweis zu zeigen: ‚Schau, der XY hängt da hinten an der Wand.‘

All das sind Sprüche an Situationen gebunden, die durch den Kopf gehen, mich für den Moment erschrecken lassen und mir bewusst werden lassen, dass Kinder und Jugendliche als Schüler und Schülerinnen am Unterricht teil nehmen, deren Lebenswelt fragiler nicht sein könnte. Mit einem Spruch, der aus einer guten Stimmung heraus gesprochen wird, aber Erinnerungen wecken kann, die gerade im Moment der Schule doch meist so erfolgreich hintan gestellt wurden. So weit hintan, dass Möglichkeit und Perspektive stark genug sind, mitzumachen im Schulalltag und sich einen Ruck zu geben. Bis hin zum normalen Leben ausserhalb von geschlossenen Türen.

Und Sprüche klopfen sich leicht. Klopfen daher auch manchmal besser nur in Gedanken auf Holz, so dass sie da bleiben mögen, wo sie entstanden.

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