Und es gibt 3 Möglichkeiten, Frau Knixibix.‘, sagt der Schüler zu mir. Der Schüler, der heute allein in der Klasse ist und diesen besonderen Unterricht gut annehmen kann. Alleine die Aufmerksamkeit bekommen, interessierte Zuwendung und schnelle Rückmeldung auf all das, was er Gutes tut. Gutes in Form von Lernen, aufmerksam sein, interessiert und neugierig. Neugierig auf das, was da halt kommen mag, wenn man allein mit der Lehrerin und Mathe und Erdkunde und Deutsch den Vormittag verbringen muss. Die andere Schülerin wurde im Laufe des Unterrichts aus der Klinik entlassen. Sie durfte nach Hause gehen. Nach Hause zurück in ihre Einrichtung.

Wenn man Unterricht mit einem einzelnen, erkrankten Schüler macht, ist das immer eine besondere Situation. Nicht nur für den Lernenden sondern auch für mich als Lehrerin. Hier können sich vom Schüler aus Gespräche ergeben, Gedanken finden ihren Platz, es ist Zeit zur ausgesprochenen Reflexion und auch ein wenig eigens produzierten Perspektivplanung. Wie es weiter gehen soll, nachdem man nun hier angekommen ist. Hier an dem Punkt, an dem es für viele nicht weiter zu gehen scheint. Und doch. Blitzen immer wieder Hoffnungen und Wünsche auf, die das verdrehte Leben in eine Richtung wenden, die Mut macht und aufrecht stehen lässt. Gedanken zulässt, die vor ein paar Tagen noch nicht denkbar gewesen sind.

So wie bei diesem Schüler. Der mit 3 Fingern abzählend heute vor mir steht, nachdem er ein wenig auf Seelenkonfetti las. Ein Ort, an dem viele ehemalige Schüler ihre Sichtweise, ihre Beobachtungen und Erfahrungen, die sie in der Psychiatrie gesammelt haben, aufschrieben und somit auch an Andere da draussen weiter geben. Weiter geben an die, die Mut brauchen, vielleicht aufgegeben haben oder Rat suchen. Auch für die, die wissen wollen, ob hier alle ‚psycho‘ sind oder wie das ist. Alltag miterleben, an Erlebtem teilhaben und das Bild im Kopf ausfüllen mit Erzählungen von Erfahrenen.

Der Junge steht nach der aufmerksamen Bloglektüre und einer kurzen Zeit des Nachdenkens also vor mir und zählt an 3 seiner Finger ab: ‚Wissen Sie, das ist nämlich so hab ich mir gedacht: es gibt 3 Möglichkeiten. Die eine ist, sich umzubringen. Die andere ist, das Leben so mies weiter zu führen, wie immer und unglücklich bleiben. Die 3. Möglichkeit ist, einen anderen Weg zu gehen. Sich helfen lassen und sich verändern. Damit man weiterleben kann. So wie ich das doch will. Ich bin doch noch so jung und will noch ein paar Tore schießen in meinem Verein. Das war eine dumme Idee von mir, mich umbringen zu wollen.‘ Sagt er und schaut mich an. Aufrecht stehend und mit Glitzern in den Augen. ‚Und wissen Sie, was ich als erstes mache, wenn ich hier raus bin? Ich kaufe meiner Familie ein Geschenk und meiner Freundin schöne Blumen.‘

Sagt ein Junge, der grade einmal Teenager geworden ist. Der sein Leben aufgeben wollte, weil er seine Situation nicht mehr tragen konnte auf seinen sportlichen Schultern. Und ich lasse reden. Weil hier in dem Moment Platz ist und er es los werden möchte. Mein Gesprächsanteil ist gering. Ich ermutige ihn in seinen positiven Gedanken und gebe Rückmeldung über seine guten Leistungen und seine offene freundliche Art. Und lasse ihn weiter reden. ‚Ich bin so froh, dass ich nicht gestorben bin und jetzt weiter machen kann. Das wäre doch dumm gewesen. Ich hätte ja nicht nur diesen einen Menschen dadurch bestraft, sondern auch meine Familie unglücklich gemacht. Es gibt doch so viele nette Menschen! Wie gut, dass ich da drauf gekommen bin!‘ Solch Gespräche sind echte Gespräche. Blicke verraten die zaghafte Ernsthaftigkeit und weisen hin auf den Wunsch, dass die Entscheidungen richtig getroffen wurden. Das sind Gespräche, die mir lange durch den Kopf gehen, dort bleiben und sich verwurzeln in meinem Wunsch, dass mindestens das gute Gefühl in diesem Augenblick sich bei dem Jungen angesiedelt hat auf dem wackeligen Boden. Der Boden, der gerade gefestigt wird, um auf ihm stehen zu können, weiter gehen zu können und darauf zu bauen. Eine Sandburg zuerst, ein Haus vielleicht später. Ich wünsche es ihm.

Und es gibt 3 Möglichkeiten. Die können gewählt werden.

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