Und ofw steht auf ihren Buttons. Angeheftet an ihre Jacken, groß und rot, deutlich zu erkennen auf ihren dunklen Jacken, die sie in Zwiebelschicht übereinander ziehen. Damit sie nicht zu sehr frieren, wenn sie heute den Nachmittag im Schneegriesel auf der Domplatte verbringen. Mit Freunden, Fremden und Feinden. Eben alles das ‚was wir auf der Straße so treffen‘.

Und ofw kannte ich bis heute noch nicht. Eine Abkürzung, die Rätsel aufgibt und mir mit Ehrlichkeit und Offenheit beantwortet wurde. Zur Aufklärung, Weitergabe, zur Besinnung und zum Graderücken von hässlichen Worten und Umschreibungen, die Menschen erleben, wenn sie auf der Straße leben. So wie meine ehemalige Schülerin und ihr Freund, die ich beide heute zufällig in der Straßenbahn traf und die beide mein winterliches Bild vom Leben auf der Straße mit Farben und Fakten bereicherten. Ein überraschtes ‚Hallo Frau Knixibix! … Hier Schatz, guck mal, das ist meine alte Lehrerin!‘ Ein Räuspern meinerseits und die Freude des Wiedersehens. ‚Wie geht es Dir? Was macht die Schule?‘ Alle Antworten mit guten Worten und guten Handlungen gefüllt, um mir eine Illusion aufrecht zu erhalten, so dass meine heile, warme Welt nicht kälter wird, als sie draussen eh schon ist. Auch das ist Empathie.

Ich frage nach, wohin es geht. Und bekomme wörtlichen Einlass in das Leben auf der Straße. Als junger Mensch, schulpflichtig und normalerweise versorgt werden sollend. Der Freund meiner ehemaligen Schülerin erzählt von der Suppenküche, die allabendlich die OFWs mit Essen versorgt. ‚Montags gibt es sogar Nudeln! Und alles kostenlos. Danach bin ich pappsatt.‘ Er erzählt von den Kältebussen, ‚die eine Sache für sich sind. Da muss man sich sehr an die Hackordnung halten, sonst biste zwar nicht erfroren in der Nacht, aber erschlagen. Das bringt dann ja auch wenig.‘ Er melde sich in Notschlafunterkünften an, berichtet von Regeln und Gesetzen in der Stadt, die man nach 2 Wochen drauf haben muss, weil es sonst knapp wird mit dem Leben. Man schenkt sich nichts und muss gut haushalten mit dem eingenommenen Geldern des Tages. ‚Sieh zu, dass Du morgens ein paar cent hast, damit du dir einen warmen Kaffee kaufen kannst!‘ Morgens aufwachen und merken, dass die Suppe noch gar nicht richtig verdaut ist, weil der Körper aufgrund der Kälte in den Standby-Modus geschaltet hat. ‚Da macht der nicht mehr viel, außer, mich am Leben zu halten. ‚ Und wie schwierig es ist, alte Menschen ohne Zuhause in einen Kältebus zu bringen. Sie nähmen nur Decken an und wollten lieber erfrieren als sich im Kältebus mit anderen abzugeben. Das Leben als selbstbestimmtes Ziel. Auch hier.

Die ehemalige Schülerin meiner Klasse nickt und weiß auch viel zu erzählen. Hört aber lieber ihrem Freund zu und zeigt mir mit einem Blick das Glänzen in ihren Augen, wenn er sie für einen Moment anschaut. Ein komisches Gefühl ist das, mithilfe ihrer Offenheit und Transparenz diesen anderen Alltag erzählt zu bekommen. Einen Alltag, der meinem Leben weit entfernt ist, gelebt von Menschen, denen ihr Leben Prüfungen aufgebürdet hat. ‚Prüfungen, die man erleben muss, sonst ist man tot‘.

Und ofw merke ich mir jetzt. Und streiche überholte, abwertende und distanzierte Beschreibungen von Menschen, die auf der Straße leben. Übernehme ihn bewusst in meinen Wortschatz und wünsche, dass es viele andere auch tun. Weil wir glücklich sein dürfen, dass wir es nicht sind: ohne festen Wohnsitz.

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