Und auch das gehört zu meiner Arbeit. Einer Arbeit, die sich vom Lehrerjob an Regelschulen unterscheidet, weil sie in einer Krankenhausschule getan wird. Jeden Tag aufs Neue. Jeden Tag mit neuen jungen Menschen, die dem Leben nicht gewogen sind in dem Moment. Sicher untergebracht vor sich und anderen.

Und auch das gehört zu meiner Arbeit: dass ich mich in die Ferien verabschiede. Von der Klasse, den Schülerinnen, die fleißig die Weihnachtgeschichte als Comic gemalt haben. Und eben auch von der Schülerin, die heute nicht dabei sein konnte, weil sie seit gestern nicht alleine aus dem Bett steigen kann. Aus Schutz vor sich selbst. Aus Schutz vor Gedanken und Handlungen, die sie vom Leben verabschieden. Normalerweise gehe ich nur zur Visite in die Zimmer, weil aber die Ferien anstehen, vereinbare ich mit der Station, dass ich kurz zu meiner Schülerin gehe. Im Zimmer angekommen lege ich ihr Material für die Ferien auf den Tisch. Es ist dunkel, leise tönt Musik aus ihrem Radio. Wir schauen uns an und ich sage ihr, dass ich mich verabschieden möchte. Ihr ein friedliches Weihnachtsfest wünsche und einen guten Start ins neue Jahr. Einen besseren. Und sie nickt. Mehr Worte finde ich nicht, es ist schwierig, jemandem eine selige Zeit zu wünschen, der so arg mit sich selbst kämpft und oft den Mut verliert. Ich habe meine kleine Drehorgel in Streichholzschachtelformat mit ins Zimmer gebracht, mit der ich bei Verabschiedungen von Schülern immer ein Lied spiele und vorab den Text aufsage, den meine Schülerin im Bett mitsprechen kann, weil sie es schon oft erlebt hat, dass Mitschüler die Klasse verlassen und ich ihnen damit alles Gute wünsche. Ich sage ihr, dass ich gerne für sie die 2 Strophen spielen möchte und frage, ob sie es denn auch hören wolle. Sie nickt und schaut mich mit großen Augen an: ‚Ja, Frau Knixibix. Bitte.‘ Und während ich beginne, den Text vorab aufzusagen, spricht sie leise mit:

‚Für Dich soll’s rote Rosen regnen, dir sollten sämtliche Wunder begegnen. Die Welt sollte sich schön gestalten und ihre Sorgen für sich behalten.‘

Und dann spielt die Melodie. Das Mädchen schaut zur Seite, aus dem Fenster raus in den grauen, verregneten Tag. Es ist so still, trotz Melodie. Trotz Leben im Raum.

Ich wünsche ihr zum Schluss, dass sie es sich bitte gut gehen lassen solle. Und ich meine das ernst. ‚Ja, und sie bitte auch. Machen Sie sich ein schönes Weihnachtsfest mit Ihrer Familie.‘

Und auch das bedarf zur eigenen Verarbeitung eines Ausdruck, eines Erzählens und Loswerdens. Das, was man im Studium nicht lernt, sich im Kollegium in der Pause austauschen kann, das was man aus der Tat heraus lernt und bald nicht wieder vergisst. Eben das, was das Leben auch als Eigenschaft zählt, die ernster und wahrer in dem Moment nicht sein kann.

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