Und wie feiern Sie? Wurde ich heute gefragt, wirst Du gefragt, fragen wir alle in der Zeit vor Weihnachten. Wir wollen wissen, wie sich Weihnachten bei anderen anfühlt, was zählt, wie Rituale und Essen aussehen. Um teil haben zu können, abzugleichen mit dem eigenen Fest, sich an der Vorfreude laben zu können, die bei den Schilderungen durchblitzt und den Raum mit einem guten Gefühl füllt.

Und wie ich Weihnachten feiern werde, wurde ich heute von einer meiner Schülerinnen gefragt. Mit großen Kirschaugen und gespanntem Blick schaute sie von ihren Arbeitsmaterialien hoch. Zu mir, in der Erwartung, was da kommen mag. In dem Moment kommen vielen Gedanken in den Kopf, Fragen und Zweifel, wie diese Frage wohl am besten zu beantworten ist. Ohne zu verletzen, ohne traurig zu machen. Weil mich das eine Schülerin fragte, die derzeit wie meine ganze Klasse hinter geschlossenen Türen behandelt wird. Über einen langen Zeitraum schon, mit vielen Rückfällen und traurigen Momenten. Auch für sie ist die Frage noch nicht geklärt, ob sie für den Weihnachtsabend nach Hause zu ihrer Familie beurlaubt wird. So wie für andere die Frage ist, ob sie in ihrer Wohngruppe sein dürfen, wenn gefeiert wird. Raus aus dem Klinikalltag, den festen Strukturen, der wohlwollenden Umgebung, den klaren Ansagen. Rein in das alte Leben, so wie es war, bevor die Erkrankung kam. Was sagt man da? Tut man es ab? Ist man ehrlich? Lässt man nur wenig durchblicken? Ich entschied mich dafür, mein anstehendes Weihnachtsfest in allen bunten Farben zu erzählen. Vom Weihnachtsbaumschmücken, bei dem meine Mutter immer wieder dieselbe Frage stellen wird: ‚Soll das dieses Jahr nicht mal jemand anders machen?‘ Und ich das jedes Jahr mit einem Lachen verneinen werde. Von meinem Vater, der seit morgens in der Küche stehen wird und sich ganz der Gans hingibt. Von der Schwester und Ihrem Mann, der seine Brüder mitbringen wird, die alle Musiker sind. Und es ein lautes, musikalisches Weihnachten sein wird. Von der Freundin des Bruders, die Zuhause eigentlich erst später Weihnachten feiert, aber mit uns den Abend in Freude verbringt. Von Spaziergängen und vollen Bäuchen. ‚Sie freuen sich bestimmt. Das kann man sehen!‘

In dieser Zeit ist es eine besondere Aufgabe, mit jungen Menschen zu arbeiten, die an Punkten in ihrem Leben ankamen, deren Aufarbeitung teils sehr lange dauern. Teilweise auch an ihrem vorletzten. Das ganze Schuljahr über ist gezeichnet von Hoffnung schenken und Mut machen – so ist es in den Tagen vor Weihnachten noch deutlicher spürbar. Die Kraft, die jeder aufbringt, um diese Situation meistern zu können. Die Spannung auszuhalten, bis die Entscheidung fällt, nach Hause zu dürfen für ein paar Stunden. Unterm Weihnachtsbaum die Geschenke zu finden und seine eigenen nennen zu dürfen. Wohl wissend, dass im Falle einer Weihnacht im Krankenhaus die Mitarbeiter ein Fest organisieren, das leuchtet und lecker und wohlig ist. Aber eben nicht Zuhause.

In dieser Zeit arbeite ich viel mit nachdenklichen Elementen. Stelle die Adventsfragen, die ich auch Euch stelle. Untermalt mit Musik und ergebnisgeklebt auf buntes Papier. Und in jeder morgendlichen Adventsrunde ist es immer so ernsthaft still und ehrlich. Nehmen sich die erkrankten Schüler Zeit, diesen Fragen Antworten zu geben, die passen. Passen in den Moment, passen in ihr Leben derzeit im Krankenhaus. Und gespannt auf das, was die anderen schreiben. Neben den üblichen Arbeitsphasen gestalten wir seit ein paar Tagen die Weihnachtsgeschichte auf Papier, um sie nachher aufhängen zu können für die Patienten, die noch nicht in die Schule gehen können. Und wie farbenfroh und lustig die einzelne Ausarbeitungen werden, lässt mein Herz schneller schlagen. Wir freuen uns alle über das Gemalte und erkennen darin, dass auch da Mut und Hoffnung raus blitzen. Während des Malens dürfen die Schüler sich Weihnachtslieder wünschen, die ich dann auf youtube suche. Es wird mitgesungen. Und zwar laut. Als dann heute die Weihnachtsbäckerei als ‚Technobäckerei‘ läuft, steht anschließend eine Schülerin auf, die schon seit Sommer in meiner Klasse ist. Sie bittet um Ruhe, räuspert sich: ‚Nun kommt die Operettenbäckerei!‘ Und legt los. Ein Mädchen, das sich mühsam wieder ans Essen gewöhnt, das sich einen trockenen Humor bewahrt hat, der mich oft sprachlos macht. Dieses Mädchen steht in der Klasse und operettet die Weihnachtsbäckerei und lacht zwischendrin so sehr, dass sie sich den Bauch halten muss. Und wir uns Tränen aus den Augen wischen. Aus Freude und aus Spaß. In der heiligen Zeit.

Nach 3 Jahren als Lehrerin auf der Station weiß ich: Weihnachten ist gar nicht so traurig in einem Krankenhaus. Weihnachten lässt viel mit sich machen. Lässt Kinder und Jugendliche fantasieren, andere fröhlich machen und vergessen für eine Zeit. Weihnachten ist gut.

Und wie feiern Sie?

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