Und Geschenke bekommt jeder gern. Von Herzen und von Menschen, die man mag. Von fern und nah, von ganz tief drin und ganz weit weg. Geschenke sind ein Dankeschön fürs Dasein, fürs Freude machen und fürs Wichtigfühlen. Große oder kleine, teure oder kostenlose – Geschenke pusten frischen Wind ins Gesicht, lassen Glück sichtbar werden zwischen dem, der gibt und dem, der bekommt.

Und das war heute so: als ich meinen kleinen Zweitklässler wieder auf Station abholte, um mit ihm eine Schulstunde lang Unterricht zu machen, raste er mir schon fröhlich entgegen. Sämtliche Blätter winkten in der Luft ‚Frau Knixibix, ich hab gestern alle Hausaufgaben gemacht! Können wir loslegen?‘ Der kleine Junge, der sich hinter verschlossenen Türen befindet, weg von zuhause, weg aus seiner Heimatschule, von der er für die kommende Zeit verwiesen wurde. Wegen Schlägerei, Zündeln und Klauen. Der kleine Junge, der schon so viele Bilder im Kopf hat, die dieses Alter nicht sehen sollte. Erwachsenes erlebt haben, was selbst als Teenies noch zu früh ist. Der kleine Junge, der immer wieder Reißaus nimmt, weil er es nirgendwo länger aushält, weil ihn wohl niemand länger aushält. Mit ‚Großen‘ auf Station lebt er sich derzeit ein in den Krankenhausalltag, dabei sehr bemüht, sich an die Regeln zu erinnern und er klaut nur noch selten Dinge. Er wirkt fröhlich und entlastet, nimmt sich jedem an und ist neugierig, wie es ein Junge in seinem Alter nur sein kann.

Ich willkomme ihn in der Klasse und aufgeregt fragt er nach der Schnecke Charlotte. Ob sie auch da sei und noch schläft? Ob sie später wieder vorbeikommt und versucht, mit ihren schlechten Augen das zu lesen was er gelernt hat? Und ja, er wisse, dass sie zu den Kindern kommt, die im Unterricht gut mitmachen. Das tut er. Von ganzem Herzen, mit ganzem Ohr und großen Augen. Stellt Fragen, die das Wunder des Lebens betreffen, will wissen, wo die Steine im Fluß herkommen. ‚Wieso heißt der Zaunkönig so? Weil seine Krone aussieht wie ein Zaun?‘ Seine Augen blitzen, er rechnet fleißig, schafft locker das schriftliche Addieren. ‚Ja und das mit dem Minus, das bringen Sie mir morgen bei. Bitte.‘

Die Stunde geht um, schneller als gedacht. Der kleine Junge wundert sich und bittet dann, die Schnecke doch wieder zu holen. Natürlich schaut sie vorbei und ehe sie auf meiner Hand sitzt und aus dem Schneckenhaus heraus schaut, greift der Junge in seine kleine Hosentasche: ‚Ich habe ein Geschenk mitgebracht, das möchte ich der Charlotte geben!‘ Und drückt ihr die Fühler über die Augen, ‚es soll ja eine Überraschung sein!‘ Und als die Fühler wieder Licht ins Auge lassen, liegt auf der kleinen Kinderhand ein Legopüppchen. ‚Für Dich.‘

Er freut sich so sehr über seine Idee, über die Freude der Schnecke und das wohlige Gefühl, etwas gutes getan zu haben. Er macht es es sichtbar mit lautem Kinderlachen und hält sich dabei den Bauch. ‚Das kitzelt so schön, wenn man lacht.‘

Was für mich hinter seinen Gedanken, seiner Geste und dem Ausdruck steckt, das ist auch ein Geschenk für mich. Ein Geschenk, das nicht mehr geht, das sich einpflanzt in die Herzbox, die sorgsam Momente aufnimmt und sie auf Watte bettet. Einbalsamiert mit dem Lächeln, das mir bei solchen Dingen über die Lippen huscht. Da sitzt also der Kleine gestern Nachmittag in seinem Einzelzimmer und macht sich Gedanken, was er der Schnecke Gutes tun kann. Misst es mit seinem Maßstab, wägt die Möglichkeiten ab, und überlegt. Das Legomännchen soll’s sein. Sein Besitz, den er sich in die Klinik hat bringen lassen, sein Spielzeug, das von zuhause kommt. Und er gibt es her. Verschenkt es, weil er danke sagen möchte an eine kleine Handpuppe, die ihm glückliche Augenblicke schenkt. Ein Geben und ein Nehmen, das hat er schon verstanden, wendet es an, richtet sich ein in seinem neuen Leben. Er entscheidet sich für die fröhlichen Momente.

Und macht dabei Geschenke.

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