Und alte Zeiten sind gerne erinnert. Lassen an Weihnachten denken, Kindergeburtstage, Kopfstreichler, Schultüten. Alte Zeiten sind meist gute Zeiten, die den Boden bereiten für das, was in neuen Zeiten darauf gelegt, gestellt, gepflanzt wird. Um daraus die Zukunft zu bekommen, die sich in Traumbildern so schön ausmalen lässt.

Und manchmal ist das nicht so. So wie bei einem meiner neuen Schüler, der kurz vor Schuljahresbeginn auf unsere Station kam. Ein 14jähriger, der angekommen ist, am Wendepunkt in seinem Leben. An seinem ersten vielleicht. Er ist polizeibekannt, prügelt viel, gibt auf dem Kennenlernbogen für die Schule Saufen als Hobby an und sieht auch anfangs so aus. Scheue Blicke, geduckte Haltung, seine Stimme ist sehr leise und zaghaft erfragt er sich den Alltag in seiner vorerst neuen Umgebung. In der Klasse sitzend warnt er mich vor, nicht zu viel zu erwarten, er habe ‚Bock auf überhaupt gar keinen Scheiß‘. Ich nicke das freundlich ab. Erzähle ihm im Erstgespräch von unserem Unterricht und heiße ihn danach mit seinen anderen Mitschülern willkommen. ‚Schön, dass ihr da seid.‘ Die Aufgaben zu Beginn in meiner Klasse sind für alle Schüler gleich. Eine schriftliche Aufgabe, anhand der ich schnell und sicher  einige Lernmöglichkeiten und Arbeitsweisen erkennen kann. Und die erledigt der Junge aus der Förderschule konzentriert, etwas langsamer als die anderen Realschüler und Gymnasiasten, aber motiviert. Er freut sich über den Blümchenstempel und fragt nach weiteren Aufgaben. Er ist so vertieft in die schriftliche Subtraktion, in die Englischvokabeln aus dem Grundwortschatz und in die Fussballstädte der verschiedenen deutschen Bundesländer, dass er es anfangs nicht merkt, aus welchen Kapazitäten er eigentlich Kraft schöpft. Die Kraft, die man benötigt, sich neben seiner aktuellen und sehr schwierigen Lebenssituation auf Anforderungen der Gesellschaft einzugehen und mitzumachen. Mitzumachen, um dem Wendepunkt einen Schubser in die die richtige Richtung zu geben. Der Schüler liest am 2. Tag eine Lektüre und bittet mich, die Kopien zusammen zu tackern. Er verliere so schnell seine Sachen, das wäre doch schade. Manchmal kann er Mitschülern bei Fragen helfen, weist seinen Kollegen darauf hin, dass Stuttgart in Baden-Württemberg liegt. Und hält dann inne. Wartet einen Moment, schaut sich unbeobachtet in der Klasse um und schnauft leise. So leise, dass er sich wieder vor den Materialien wieder sieht und weiter arbeitet. So lange bis es gegen Ende des Schultages leise aus ihm raus murmelt: ‚Ja und wenn ich hier raus bin, brechen die alten Zeiten wieder an. Dann wird wieder gebrüllt.‘ Ich frage ihn, ob er es sei, der brüllen würde, das könnte ich mir gar nicht vorstellen, so still wie er bei uns ist. ‚Nein, dann brüllen meine Eltern wieder. So voll laut, dass ich fast nichts mehr höre. Die brüllen wegen jedem bisschen. Hier ist das nicht so. Hier reden die Leute mit einem. Hier werde ich gebraucht und ich kann auch was sagen.‘ Worauf sich eine Zehntklässlerin ermutigend einbringt und ihm bestätigt, dass er doch seit seiner Ankunft mit jedem Tag glücklicher aussieht. ‚Ja, das bin ich auch. Wie krass das ist, dass ich hier hinter zuen Türen bin und es mir dabei besser geht, als draussen. Voll abgefahren.‘

Der Junge wartet auf ein Gespräch, das in der kommenden Woche mit ihm und Verantwortlichen geführt wird. Dabei geht es um eine Unterbringung ausserhalb der Familie. Das erzählt er uns auch. Und wird dabei sehr traurig. Solche Momente sind schwierig aufzufangen. Welche Worte können trösten? Welche Blicke? Welche Gesten? Und während die Gedanken um eine gute Lösung suchen, sind es die selbst erkrankten Schüler, die die Situation ertragbar machen:

‚Hey, dann sind die alten Zeiten vorbei! Dann kannst du sein wie hier. Einfach glücklich.‘

Und ein Lächeln ist die Antwort.

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