Und 5+ ist ein Alarm. Eine Schulnote, die viel sagt über das weniger Gute in der Schule. Ein Stempel, eine Marke, eine Schublade. Will keiner, macht niemanden Freude, sie zu verteilen oder anzunehmen. Und 5+ ist in manchem doch ein Gutes. So gut, dass Tage dadurch lebenswert und fröhlich werden, bunt und sinnvoll. Ein Statement, dem Guten zugewandt.

So wie bei einer Schülerin heute. Einer traurigen Schülerin, die verwirrt ist, durcheinander. Weil ihr Leben bisher durcheinander mit ihr gespielt hat. Sie hat einen Panzer an, den man nicht nur sehen kann, den man auch spüren kann. Ein Panzer, der sie schützt, vor den Erinnerungen, die sie zurückbringen in die Zeit als Sechsjährige, als sie von einem Familienmitglied missbraucht wurde. Körperlich, sexuell, seelisch. Ein Jahr lang. Für das der Täter viele Jahre absitzen musste und sie geschützt sein konnte vor ihm und ihren Ängsten. Diese Jahre sind nun um. Und die Schülerin hat Angst. Diese Angst, dass alles wieder so werden kann wie früher, dass alles wieder kaputt ist, was sie sich in den letzten Jahren an Sicherheit aufgebaut hat. Ihr Lebensmut ergab sich der Angst. Nun ist sie bei uns auf Station und erlebt sich neu, geschützt und beschützt vor dem Draußen, dass sie aufsaugen will in dunkle Zeiten.

Sie sitzt in der Klasse, deutlich schwerer als ihre Mitschüler und deutlich schwächer in manchen Fächern. Das macht uns aber nichts. Wir arbeiten zusammen an Themen, die sie mag und Themen, die sie fürchtet. Mathe. Sie hat zu Mathe keinen Draht und wird bockig, wenn man das Wort in den Mund nimmt. Aber sie lässt sich darauf ein. Widerwillig und mit Gemaule, mit dem Ziel, es dann doch zu schaffen und sich das Lob abzuholen, in die Wohlfühlschublade zu stecken. In der sie alles Gute sammeln kann, um bei Bedarf hineinzugreifen und das schöne Gefühl aufkommen zu lassen. Das kann sie gut. Sie liest eine ganze Lektüre, bearbeitet Aufgaben dazu und wirkt mit jedem Tag offener und zugänglicher. Bereit sich auf das Wagnis Leben einzustellen und der Angst mit Mut zu begegnen.

Den hatte sie auch heute. Heute, als wir südafrikanische Trommler bei uns in der Klinikschule hatten. Die uns gezeigt haben, mit was sie spielen, wenn sie ihre Gefühle ausdrücken und Kontakt zur Welt aufnehmen möchten. Fröhlichkeit verbreiten und manchmal dunkle Gedanken wegtrommeln. Und mittendrin die Schülerin, die sich wagte, die größte Trommel auszuwählen, zu spielen und den Takt nach ihrer Kreativität anzugeben. Ein bunter Takt, ein aufrichtiger Takt. Vielleicht der, der ihr Leben bestimmt. Ungleich und mit vielen Wechseln. So schalteten sich auch die anderen Schüler ein. Jeder mit einem anderen Instrument, jeder mit einem anderen Zugang zur Welt. So klang es auch, so war es gut.

Auf dem Rückweg in die Klasse sprudelte die Schülerin vor Glück. Sie fasste es kaum, dass sie die ‚Ehre haben durfte, dieses wertvolle Instrument von den hübschen Männern spielen zu dürfen. Mein Herz hat mir den Rhythmus vorgegeben und ich bin total befreit. Gestern Abend und heute Vormittag war ich noch so traurig und wusste nicht wohin mit dem blöden Gefühl. Ich hab das in der Trommel gelassen. Da ist das dann auch raus gekommen und ich hatte plötzlich wieder Platz für schöne Gefühle. Haben Sie das auch gehört? Ich trage heute in mein Stimmungsprotokoll eine 5+ ein – das hab ich in der Klinik hier noch nie gemacht. Was für ein Tag!‘

Und 5+ für gute Tage.

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