Und Eltern sehen mich. Eltern sehen mich als Lehrerin dann, wenn es etwas zu besprechen gibt. Ein Etwas, das ganz ernst ist und die Wahrheit hervorholt wie einen ungebetenen Gast. Ein Etwas, das die Blickrichtung ändert und den beschwerlichen Weg noch steiler macht. Steiler auf dem Weg zurück auf den Gipfel hoch über dem Wasser, das bis zum Halse steht und von dem aus die Normalität den Blick wieder friedvoll sein lässt.

Eltern, die zu mir ins Gespräch kommen, gibt es nur wenige. So wie Vater und Mutter eines Schülers heute. Der seit mehreren Monaten bei uns auf Station ist und seit April von mir unterrichtet wird. Er kam aus der Oberstufe vom Gymnasium, hatte zuvor durchschnittliche bis gute Leistungen. Ingenieur wollte er werden. Begeisterte seine Eltern mit seinen Plänen und richtete sich in dieser Perspektive gemeinsam mit ihnen ein. Bis die Psychose kam. Und alles anders machte.

Es dauerte eine Weile, bis ich ihn einzeln beschulen konnte, dauerte noch eine Weile bis er es 45 Minuten lang schaffte, seine Konzentration stückweise auf das Lernmaterial zu richten. Material, das bei Weitem nicht dem Lernstand eines Elftklässlers entsprach, sondern auf Erfolge abzielte. Erfolge, damit der Schüler es schafft, sich über einen kleinen Schritt zurück in das Schulleben zu freuen. Mathe aus der 8. Klasse, Deutschaufgaben für Neuntklässler oder englische Vokabeln lernen. Über 2 Monate arbeiteten wir mal mehr und mal weniger intensiv zusammen. Zwischendurch benötigte er Pausen, musste sich zurück ziehen oder konnte er erst gar nicht erscheinen. Seine Schrift ist nicht lesbar, sein Sprechen meist unverständlich. Es hapert an vielem.

Seit 2 Tagen ist er aber nun nach Rücksprache mit den Ärzten mit 5 anderen Schülern verschiedener Erkrankungen bei mir im Unterricht. Er scheint stabiler zu sein, zeigt erhöhte Konzentration und bemüht sich sehr, 60 Minuten zu schaffen. Um dann wieder auf Station zu gehen und sich von den Lernstrapazen zu erholen. Zurück in die Oberstufe wird er nicht mehr gehen können. Zumindest nicht in absehbarer Zeit. Eine Einrichtung muss gefunden werden, die es dem Schüler ermöglicht, seine Fähigkeiten in angemessenem Tempo zu entfalten. Berufsmöglichkeiten auszutesten, medizinisch zur Seite stehend. Vielleicht eine Förderschule, vielleicht ein Orientierungsjahr für psychisch kranke Menschen.

Und das muss offenbart werden. Von mir, von seiner Ärztin ihm und seinen Eltern. Und das ist nicht leicht. Hoffnungen zu ersticken und die roten Flecken am Hals der Mutter zu Recht aufglühen lassen. Die nervösen Finger des Vaters den Bart zuppeln machen und den enttäuschten Blicken des Schülers stand halten. Ein sanftes Verkaufsgespräch der Optionen, die es für schwer erkrankte Menschen gibt, Zuversicht vermitteln und dabei das Lachen nicht vergessen. Momente flackern auf in diesem Fünfergespräch, die es uns allen erleichtern, das schwere Ungewollte sacken zu lassen und die Leichtigkeit eines Scherzes anzunehmen und auf ihr fortfahren wollen. Der Schüler schenkt den Eltern, der Ärztin und mir diesen Scherz. Schenkt Erleichterung und trauriges Einverständnis mit dem , was die Wahrheit sein wird: ‚So lange ich Auto fahren lerne, mache ich das mit. Und wenn es mit Fingerfarben und Bauklötzen anfängt.‘

Und Eltern lächeln. Lächeln tapfer der Kehrtwende entgegen.

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