Und bis später dann. Sagte der Schüler heute zu mir, als er vom Chefarzt aus dem Unterricht genommen wurde. Ein Blick in die Runde, die Materialien auf seinem Platz liegen lassend, weil er kommt ja wieder. So glaubt er das. Ich wusste es anders.

Der Schüler, der jetzt eine Woche bei mir im Unterricht war, ist ein Strafgefangener. Ein junger Strafgefangener, der aus unterschiedlichen Gründen zu uns auf Station kam. Seine Tat ist unumstritten schlimm. Von Beginn an war mir klar, dass ich diesen Schüler mit diesem Hintergrund immer vor diesem Hintergrund sehen werde. Inmitten der Klasse, die nicht wissend von alledem mit ihm und mir zusammen den Unterricht gestalteten und fleißig lernten und sich gut machten. Wie gehe ich mit ihm um? Ich weiß um den Tatvorgang. Ich finde es schrecklich und doch begegne ich dem Jungen offen und zugewandt. Aufmunternd und streng. Er ist anfangs sehr unsicher, fragt viel, wirkt ein wenig altklug. Integriert sich in die kleine Klasse mit seiner ruhigen und beschwichtigenden Art. Immer wieder stelle ich mir die Frage, ob es richtig ist, diesem Jungen genauso viel Wohlwollen und Verständnis entgegen zu bringen wie seinen Mitschülern, die wegen akuter Erkrankungen bei mir am Schultisch sitzen. Und immer wieder spüre ich ein klares ‚Ja‘. Ein ‚Ja‘, das es mir leicht macht, ihn fernab der Vergangenheit im Jetzt agieren zu sehen. Zu sehen, dass er es in dem Moment gut macht und sich bereit hält für Veränderungen. Dabei will ich ihn stützen, ihm einen Spiegel vorhalten, der ein paar blinde Stellen hat und ihn strahlen lässt. Das funktioniert. Wir beide wissen um das Geschehene, darüber darf nicht gesprochen werden und das möchte ich auch nicht. Ein stilles Abkommen, das uns gemeinsam an der Sache ‚Schule‘ arbeiten lässt. Als ich ihm gestern Grüße von seiner Klassenlehrerin ausrichte, versinkt er in Gedanken, schüttelt immer wieder leicht den Kopf und wischt sich die Augen. ‚Ich freu mich grad so, Frau Knixibix. Ich kann nichts dafür.‘

Und heute morgen ist alles anders. Ich bekomme vor dem Unterricht übergeben, dass er heute wieder abgeholt wird. Von der JVA wird er wieder dorthin abgeholt, wo er auf sein Verfahren warten muss und bis dahin in einer Zelle in Untersuchungshaft sitzen wird. Während der Unterrichtszeit würde er abgeholt werden und ich solle mich verhalten, wie immer. Er weiß es noch nicht. Er weiß es noch nicht, damit er keine Pläne schmieden kann und sich auf unangenehme Weise dem Ganzen entziehen könnte. Mir kreist der Kopf. Mir kreisen die Gedanken. Wir werden uns nicht verabschieden können. Ein Abschiedsstein wird übrig bleiben. Mein Bauch sagt, ich will das so nicht. Mein Kopf sagt, so ist das nun mal.

Und der Kopf ist es dann auch, der den Stundenbeginn mit allen zusammen normal erscheinen lässt. Fragerunde, wie es jedem geht. Aufgaben verteilen und los geht’s. Bis nach gefühlten 2 Stunden und tatsächlichen 15 Minuten die Tür aufgeht, der Chefarzt mich wissend anblickt und ich ihm mit einem Nicken deute, dass ich verstehe. ‚Und bis später dann, Frau Knixibix.‘

Gegen Ende des Schultages klopft es an der Tür, der Schüler blickt kurz rein, die gepackten Sachen im Hintergrund. Er sieht Jeden kurz an und verabschiedet sich: ‚Das wird dann doch ein Tschüss. Ich muss gehen.‘

Und bis später dann. Bis später dann wird das mich nicht los lassen.

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