Und Blinker setzen. Selber den Blinker setzen und den Blick abwenden von Gewohntem und Sicherem. Sicherem, das zwar weh tun kann und krank macht, dafür aber konstant ist und gewohnt. Das passiert uns täglich. An der Ampel, den mechanischen Blinker setzen. Am Kassenband, entgegen des Gefühls,  jemanden vorlassen, die Routine brechen.

Und in der Schule setzt man Blinker auch. Als Lehrerin sowieso, als Schüler manchmal auch. Und das ist oft ein ganzes Stück Arbeit. So wie es Arbeit war für die eine Schülerin, die nach 10 Schulbesuchsjahren und zweimal Sitzenbleiben auf dem Gymnasium nicht mehr konnte. Das Schuljahresende war greifbar durch blaue Briefe und letzte Arbeiten und damit seine eindeutige Verpflichtung, dem Versagen ins Auge zu blicken und sich den Eltern zu stellen, die Freunde in der Klasse verlassen zu müssen, die Ufer nicht anzusteuern, um dort fröhlich die Sommerferien zu verbringen. Das ist ein Druck, dem die Schülerin aus lauter Ungewissheit und Sorge nicht mehr stand halten wollte. Sie wollte ihrem Leben ein Ende setzen und das mißlang ihr. Rechtzeitig wurde sie gefunden und in Sicherheit vor sich selbst gebracht. Um wieder atmen lernen zu können, in dem Vakuum, dass sich um sie in den letzten Monaten herum gebildet hatte.

Zwei Tage nach dem Selbstmordversuch saß sie in meiner Klasse. Sehr skeptisch und unsicher. Wirkte trotzig und lustlos und war dankbar für jeden Mitschüler, auf dessen Quatschzug sie sich einlassen konnte. Schule war für sie der Horror. Ein Horror, der unauswegbar ist und bedrohlich mit dem Kopf schüttelte. Bei mir in der Klasse wollte sie nicht sein. Sie spürte den Wunsch, wieder in ihre alte Klasse zu gehen, Feunde zu treffen und die restlichen Arbeiten mitzuschreiben. Immer im Hinterkopf, dass die Realität da nicht mit spielen würde. In Gesprächen wurde ihr mitgeteilt, dass es auf dieser Schulform für sie zu schwer sei. Dass sie auf einem Berufskolleg ihren Abschluss schaffen würde. Einen Abschluss, der ihr Perspektiven schafft. Nickte sie diese Vorschläge halb hingehört ab, so zeigte sie tagsdrauf wieder Bockigkeit und Unwillen. Ich konnte sie in ihrer Entscheidungslosigkeit schwimmen sehen und strampeln, um nicht aus dem warmen, wohligen Wasser aussteigen zu müssen, um sich an neuen Ufern auch neu zu sehen. Das beschäftigte mich: wie konnte ich der Schülerin deutlich machen, dass die Schulform offensichtlich nicht passte. Dass die Schulform versagt hatte, ihr innerhalb von 6 (!) Jahren und zweimal Sitzenbleiben mitzuteilen, dass sie hier überfordert ist. So zu sagen, dass sie das Vertrauen in Schule und Lehrer nicht verliert und den Mut findet, den schweren Blinker zu setzen und sich für einen neuen Weg zu entscheiden. Und damit Konflikte zu lösen und sich wohliger zu fühlen auf dem grad noch glatten Eis des Lebens.

In Rücksprache mit dem Stationsteam nahm ich mir an einem Vormittag die Zeit, sie in ein Zweiergespräch einzuladen. Ein Zweiergespräch, dessen roter Faden aus Kärtchen bestand, auf denen Wegweiser standen: ‚Das kann ich gut: _________.‘, ‚Das kann ich nicht gut:_________.‘, ‚Realität‘, ‚Wunsch‘, ‚Schulwechsel‘, ‚Kolleg‘, ‚Hauptschulabschluss‘, ’neue Klasse‘ und weitere. Die Kärtchen lagen verdeckt auf ihrem Tisch und sie drehte sie einzeln um. Las sie vor. Wurde ganz still. Und fing an, zu verstehen. Von alleine sortierte sie die Punkte jeweils den Kategorien ‚Wunsch‘ und ‚Realität‘ zu und fand sich dabei selbst. Sich und ihre Schulsituation. Die Klarheit, etwas ändern zu müssen, damit sie weiter kommt. Ihre Stärken und Schwächen benannte sie derart, dass sie sich wiederum gegenseitig als Stütze dienen können in schwierigen Situationen. Es wurde hell in der Klasse, der Schülerin ging ein Licht auf und am Ende stand fest: ‚Ich wechsle meine Schule und suche mir ein Berufskolleg. So kann das ja nicht weiter gehen.‘ Augenblitzen und Durchatmen. Festhalten und mutig sein. Das war am Freitag, der Tag vor dem langen Wochenende.

Heute, als ich zur Übergabe auf die Station kam, wurde mir mitgeteilt, dass die Schülerin übers Wochenende konfliktfrei war. Sich mit den Eltern beim Krankenhausbesuch gut verstand und ihre Erleichterung war sichtlich in jedem Schritt, den sie tat und mitschwang. Die Schwingung kann ich in meinem Beruf sofort aufnehmen, kann individuell mit ihr arbeiten, weil das die Station mitträgt. Die Schülerin wurde heute Nachmittag entlassen und da war es wichtig, dass sie sich um Telefonate kümmerte. Berufskollegs anrufen. Nachfragen, welche Möglichkeiten für sie offen stehen, anbetrachtet ihrer Schulgeschichte. Und das machte sie alles gut. Das machte sie so gut, dass sie sich nach drei Anrufen einen Schullaufbahn-Beratungstermin organisierte. Wie wichtig die Person am anderen Ende der Leitung dabei ist, das wurde mir erst in dem Moment bewusst: ich hoffte auf Zuhören, Annehmen, Vorschläge, Ernstnehmen. Und das gelang. Die Schülerin hat das Leben heute in die richtige Hand genommen und verabschiedete sich am Ende: ‚Frau Knixibix, wissense noch? Ich hab eineinhalb Wochen lang keinen Schritt gemacht in die richtige Richtung. Ich hab’s jetzt kapiert. Das wird jetzt alles neu.‘

Und sie hat den Blinker gesetzt.

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