Und ganz normal ist, dass ich jetzt müde bin. Jetzt, nachdem ich einen halben Tag lang oder auch kurz gearbeitet habe. Jetzt genau ist die Zeit, in der ich schlafen möchte und den Tag ein zweites Mal starten lassen möchte. Ein ganz normaler Tag also.

Ein normaler Tag, der damit beginnt, wie er gestern nicht aufgehört hat. Und trotzdem kenne ich das und bin gewohnt daran. Auch daran, dass ich zeitlich nur kurz arbeite und das mitunter rechtfertigen und erklären muss, kann, darf und will. So ein normaler Tag hat es nämlich in sich. 7 Schülerinnen und Schüler auf meiner Liste. Das ergibt eine kleinere Klasse mit nur 5 Schülerinnen, weil ich die 2 Jungs wegen ihrer Erkrankung jeweils einzeln und nur für kurze Dauer mit in den Unterrichtsraum nehme, um abzutauchen ins Leben, aufzutauchen in der Schule.

Ich beginne den Tag mit dem Einholen von Informationen über die 4 neuen Schülerinnen und den Schüler. Erzählt wird von den Erkrankungen, von den Lebensumständen, von Höhen und Tiefen, von dem, was die Kinder und Jugendlichen letztendlich zu uns auf die Station brachte. Das sind keine heiteren Sachen. Sie gehen sehr nah und machen nachdenklich, rütteln auf und erschrecken. Manchmal sind die Lebensgeschichten so voll von Dingen, die weiter weg von meinen Kindheitserlebnissen nicht sein können.

Informiert über den Ist-Zustand aller meiner Schüler plane ich kurz den Unterrichtsvormittag durch. Die Zeiten werden abgestimmt mit möglichen Therapieterminen oder Jugendamtsgesprächen oder anderen, der Schule vorrangigen Dingen. 20 Minuten rum. Ich kehre zurück in die Stille meines Klassenraumes, vollgepackt und nachdenklich, in Planung auf inhaltliche Aufgaben, die ich nun in 10 Minuten am Kopierer vervielfältige und an meine Klasse weiter geben werde. Was ich dabei vergesse zu kopieren, kann nicht adhoc nachgereicht werden. Meine Klasse darf ich während des Unterrichts nicht verlassen. Am Kopierer im Sekretariat wird sich unterhalten, formale Klärungen finden statt, Dingstände aufs Neueste gebracht und hoffentlich mindestens einmal gelacht. Weil mit einem Lachen der Start in den Unterricht noch mal leichter fällt und die düsteren Geschichten von vor 10 Minuten an Präsenz verlieren.

Den Kopf grade gerückt zurück auf Station nehme ich meinen ersten Schüler mit in die Klasse. Er wird von mir alleine beschult, weil seine kognitive Begabung anders gelagert ist als die Begabungen der Schülerinnen. Er benötigt viel Zuwendung, Hilfestellung und freut sich über Situationen, in der er Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. Ich kenne den Jugendlichen noch nicht, stelle ihm Fragen zu seiner Schulherkunft und finde damit auch heraus, dass er tatsächlich lesen und schreiben kann. Auch im Rechnen zeigt er, dass er was kann: das große Einmaleins mit viel Sorgfalt und Ausdauer. Von selber spricht er wenig. Sucht Kontakt über Blicke und freut sich, als ich ihm als Anerkennung unter seine Arbeit meinen Blümchenstempel setze. Dabei reibt er seine Hände und blinzelt mit den Augen. So sieht seine Freude aus.

Nach 30 Minuten bringe ich ihn zurück auf die Station und beginne, die 3 neuen Schüler einzeln mit in meinen Raum zu nehmen, um dort ein Erstgespräch zu führen. Unter vier Augen das zu besprechen, was das Schulleben für die Einzelne bedeutet. Was das Leben in der Heimatschule für sie ausmacht oder eben auch nicht. Da gibt es viele Sorgen, viele Ängste, Hoffnungslosigkeiten und Prügel. Mobbing und Alleinesein im Einklang mit der Realität. Einer Realität, die es mitunter erst seit 13 Jahren gibt. Eine Realität, die geschultert werden muss, die ausgehalten und durchgestanden werden muss. Bis es nicht mehr geht. Bis es zur Aufnahme auf Station führt. Diese Erstgespräche sind das Wichtigste auf dem Weg zu einem ansprechenden Unterricht. Sie pflastern den Weg, den ich mit dem Schüler oder der Schülerin gehen werde. So offen und herzlich wie möglich gehe ich daran, dieses Gespräch zu führen. Das klappt meistens und erleichtert mir und dem neuen Schüler die Zusammenarbeit, die so schnell wie möglich und bestmöglich sein soll. Wir lernen uns kennen und sind beide gespannt, was die nächsten Schulstunden, Schultage bereit halten für uns. Bereit halten an Freude und Frust, an Lachen und Ärger, Schimpfe und Lob, an Hausaufgaben und Hausaufgabenfrei. An Teilnahme und Verabschiedung.

Nach diesen drei Gesprächen sammele ich meine 5 Schülerinnen aus den Zimmern oder der Sitzecke zusammen. Sie halten meist ihre Schulsachen parat und erzählen mir auf dem 20m-Weg in die Schule, wie die Hausaufgaben gelaufen sind, welche Laune sie in den Unterricht mitbringen.  Ich schließe die Schleusentür auf und betrete mit ihnen gemeinsam den Klassenraum mit einem ‚Herzlich Willkommen!‘. Diese kleine Lerngruppe unterrichte ich nun bis zur Pause. Das sind noch 45 Minuten, die gefüllt sein wollen mit Inhalten, mit Motivation, Ausdauer und Konzentration. Auf 5 verschiedenen Ebenen: da ist die Grundschülerin, die gut gelaunt und fröhlich ist, die pausbäckig und bebrillt ihre Aufgaben erledigt. Augenscheinlich erheblich ambivalent in ihrer Lese-Rechtschreibkreativität. Sie sitzt zwischen einer sehr stillen und unauffälligen Siebtklässlerin der Realschule, die so leise und zurückhaltend an ihren proportionalen und antiproportionalen Funktionen arbeitet, dass ich sie fast übersehen hätte. Hätte sie nicht einmal geniest. Zur Rechten der kleinen Grundschülerin sitzt ein junges Mädchen, das in die 10.Klasse besucht und dabei schon in der Oberstufe ist. Zauberwort ‚G8‘. Sie erzählte mir im Erstgespräch, dass Schule ein großes Thema für sie sei. Sie fühlt sich überfordert und ist tatsächlich mit ihrem Latein am Ende. So weit am Ende, dass sie sich am Wochenende das Leben nehmen wollte. Und zwar durchgeplant bis zuletzt. Wäre da nicht ein Schutzengel gewesen. Sie benennt mir ihre Schulthemen, die sie dringend auffrischen muss, springt mit Hilfestellungen bei Fragen ihrer Sitznachbarin ein und findet erstaunlich schnell und gut in unsere neue Klassensituation. Schülerin Nummer 4 ist zum dritten Mal in der Klinik. Sie ist impulsdurchbrüchig und benutzte zu Hause das Besteck derart verquer, dass sie erneut auf die Station kam. Ein hübsches Mädchen, das die 9. Klasse eines Gymnasiums besucht. Clever und mit viel Sinn für Zwischenmenschlichkeit. Sie behält im Auge, dass ihre neuen Mitschüler einen guten Start haben und erklärt ganz viel. Nebenbei bloggt sie heute für den Schülerblog. Als ‚alter Hase‘ fühlt sich auch die andere Zehntklässlerin, die seit 3 Tagen in meine Klasse kommt. Sie wurde in diesen Tagen offener und kooperativer. So was sehe ich oft an Frisuren. Kam sie am Montag noch mit Pony bis weit über ihre Augen in den Unterricht und ließ wenig von sich erkennen, zuppelte sie heute unaufhörlich daran, um besser sehen zu können. Und nahm mein Angebot an, zwei Haarklämmerchen zu benutzen, die ich für solche Fälle (zum Glück) in meinem Schrank lagere.

Da sitzen also die 5. Eine Alterspanne von 11 bis 17 Jahren. Schulformheterogen und aus verschiedenen Gründen in der Klinik. Und doch gemeinsam an einem großen, ovalen Tisch. Der Tisch, an dem so viel passiert. An Erkenntnis und ‚AHA!‘, an Heimweh und Zuversicht, Lachen und Lernen. Vertrauen und Groll. Die 45 Minuten sind rum. Wir gehen in die Pause. Die Schülerinnen zur Pausenmahlzeit auf Station. Ich als Lehrerin nicht anders vermutet ins Sekretariat, an den Kopierer und für 10 Minuten auf einen Plausch ins Lehrerzimmer mit Leberwurstbrot in der Hand und Tee im Thermosbecher.

20 Minuten Pause sind gefüllte Minuten. Rekreation und Abstand, und bitte mit Lachen. Seelenhygiene. Das passiert fast immer. Und manchmal nicht.

Um halb 11 wird der 7. Schüler von mir abgeholt. Er wird auch alleine beschult, weil er psychotisch ist. Reizarm und leistungsreduziert gestalte ich ihm 45 Minuten Unterricht. Einen Unterricht, der für ihn so wichtig ist, weil er sich erlebt als Rückkehrer ins Leben. Ins Schulleben und vielleicht in eine Normalität. Die aufgrund der Schwere der Erkrankung in noch ziemlich weiter  Ferne liegt. Aber genau diese Schritte bringen ihn nach vorn. Einzelne, kleine Schritte, die mühsam sind. Die ihm zeigen, dass er als Elftklässler wieder anfangen muss mit Grundlagen der Bruchrechnung. Mit Wortschatzerweiterungen in Englisch. Mit einfachen Lesentexten und simplen Fragen dazu. Er ist dabei hastig und drängt auf Steigerung. Seine Ergebnisse machen ihm deutlich, dass das noch zu viel verlangt ist. Da muss ich nichts sagen. Das sieht er von selbst. In solchen Momenten richte ich die Wichtigkeit auf die einzelnen Minileistungen, zu der er vor ein paar Tagen noch gar nicht in der Lage gewesen wäre. Verdeutliche ihm Lernerfolge und spreche im Mut zu, diesen Weg mit den winzigen Treppenstufen mit mir zu gehen. Sich darauf einzulassen und geduldig zu sein. Geduldig, um sich selbst zu behalten und nach vorne zu blicken.

Es ist 11.15h, die Stunde vorüber und die 5 Schülerinnen von vor der Pause kommen noch einmal für sechzig Minuten in den Unterricht. Die Stimmung ist gleich gut: es wird gegiggelt, geholfen, gerechnet und getan. Jede in ihrem Tempo. Jede auf ihrem Niveau. Mal konzentriert, mal abgelenkt. Mal nachdenklich, mal ausgelassen.

Als am Ende die Ärztin hereinkommt, um eine Schülerin zur Blutentnahme abzuholen, hält sie kurz inne, lächelt und sagt: ‚Mensch, hier ist ja ne Stimmung. So hätt’s bei mir in der Schule sein sollen!‘

Am Ende des Schultages resümiere ich kurz für die Schülerinnen, teile ihnen mit, dass ich Spaß hatte mit ihnen zu arbeiten und hoffe, dass es morgen genauso wird. Gekichere und Zustimmung. ‚Auf Wiedersehen, bis morgen! In alter Frische.‘

Auf der Station angekommen, übergebe ich die wichtigsten Geschehnisse des Tages, gute und schlechte. Plaudere mit den Mitarbeitern und lache schon wieder. Weil es mir Freude macht, dort zu arbeiten. Weil es gut tut, in einem Team zu wirken, das trägt. Loyal und aufrecht, offen und zugewandt. So kann das klappen.

Mittagessen in der Klinikkantine. 45 Minuten, in denen ich mit Kolleginnen den Schultag revuepassieren lasse, auch mal still bin und zuhöre und vor allem Energie tanke durchs Essen. Weil anschließend die Hausuaufgabenbetreuung ansteht. Hausaufgabenbetreuung in der Tagesklink für Kinder im Gundschulalter. Die ich nicht kenne, die mich nicht kennen. Aber dennoch so konzentriert und still ihre Aufgaben erledigen, dass ich mir heute noch dachte: ‚Wann war ich zuletzt so konzentriert, so nah an einer Sache, wie der Zweitklässler, der beflissen seine Schreibschriftübungen im Schneckentempo macht und sich dabei sachte seine zuppelligen Haare streichelt?‘ Ich weiß es nicht.

Um 14h ist der Arbeitstag in der Schule beendet. Ich fahre mit offenem Verdeck nach Hause. Nach Hause und müde.

Und ganz normal ist das.

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