Und konsequent ist, sich die Hand zu verbrennen, wenn man auf die heiße Herdplatte packt. Wenn der Körper nach einem Halbmarathon sagt, bis hierhin und nicht weiter, wenn die Lieblingsband das letzte Lied des Konzerts spielt. Und konsequent bin ich auch. Muss ich sein und will das auch. Konsequenz tut nicht weh, ist nicht laut und stinkt nicht. Konsequenz ist ehrlich und direkt, macht schlau und einsichtig. So ist das zumindest sehr oft in meiner Schulklasse, die zusammen gesetzt ist aus unterschiedlichsten Schülern unterschiedlichsten Alters und Herkunftspunkten. Dass ich konsequent bin, ändert nichts daran, dass wir gemeinsam durch den Schultag gehen und uns alle aufrichtig in die Augen sehen können. Und dabei auch lächeln.

Der 14jährige Schüler, der seit Freitag in meiner Klasse ist, kennt keine Konsequenz. Er kennt Schläge und Nachlässigkeit, Desinteressere und Verwahrlosung. Das kennt er so gut, dass er in der Gesellschaft auf ’normalem Wege‘ zurzeit nicht gehen kann. Keine intensivtherapeutische Gruppe konnte ihm sein regelproblematisches Verhalten eingrenzen, seine Diebstähle unterbinden und sein Weglaufen stoppen. Von Vater zu Mutter seitdem er 6 Jahre alt ist, zwischendurch in Obhut genommen und wieder zu einem Elternteil geschickt. Bis der Umstand derart eskalierte, dass der Junge zu uns auf Station kam. Dorthin, wo er vor sich und andere vor ihm geschützt sind. Hier geht es ihm soweit gut. Er akzeptiert Regeln, Tagesabläufe, ist freundlich und versteht sich mit seinen Mitpatienten. In der Klasse arbeitet er aufmerksam, konzentriert, vertieft sich in europäische Geografie und rastert Picassos Friedenstaube. In der Klasse sitzt er neben mir. Freiwillig hat er sich diesen Platz ausgesucht. Er möchte stete Rückmeldung haben. Meist wortlos, mit Gesten, Blicken, mit kleinen Geräuschen. Das liest er genau, setzt die Impulse um und ändert ohne das Wissen seiner Mitschüler sein sonst so schwieriges Verhalten.

Und gestern taute er langsam auf. In dieser Klasse sind meine Sinne in den 5 Schulstunden am Vormittag äußerst bereit, auf jedes kleine Fitzelchen an Unmut, Traurigkeit, Übermut, Aufgeregtheit, Apathie, Manipulation und Glücklichsein wahr zu nehmen. Entsprechend zu deeskalieren, zu bestärken oder anwesend zu sein, um gemeinsam den schwierigen Moment zu durchleben. Der Schüler beginnt meine Aufmerksamkeit zu testen, indem er gestern anfing, nach mir zu pfeifen, wenn er eine Frage hatte. Wenn er eine Schere brauchte oder neues Material einforderte. Konsequenterweise meldete ich ihm zurück, dass weder ich noch sonst ein Hund oder Apfel angepfiffen werden wolle. Der Spiegel der Gesellschaft, den man als Lehrerin darstellt, war auf Hochglanz poliert. Immer wieder leise und bemüht heimlich versuchte er es dennoch und so lange, bis ich ihm für die restlichen 2 Schulstunden 3 rote Bingopunkte auf seinen Platz legte. ‚Bei jedem Pfiff, ein Punkt futsch. Wenn alle weg sind, gehst Du rüber auf Station und machst den Rest der Schularbeiten auf dem Zimmer.‘ – ‚Ok. Wenn Sie meinen, dass das gut ist.‘ Als dann ein Punkt auf dem Tisch übrig lag und wir kurz vor der Abschlussrunde standen, ertönte ein leiser Pfiff. Und die Konsequenz stand plötzlich mit im Raum. Stumm stand ich auf, ging zur Tür und bat den fröhlichen Pfeifer seine Sachen zu packen. Und er tat es, ging mit mir in Richtung Schleuse und sagte: ‚Wie blöd, jetzt verpasse ich das Spiel.‘ Kein Wort des Vorwurfs der Ungerechtigkeit, kein Beleidigtsein, keine Beschuldigung. Transparent wie die Konsequenz im Raum stand, war auch seine Reaktion. Bevor ich ihn verabschiedete fügte ich mit einem kleinen Bedauern hinzu, dass der folgende Schultag mit 5 Bingopunkten für ihn beginnen wird. So konnte er sich damit auseinander setzen, den Nachmittag dazu nutzen um sich zu positionieren und seine Verantwortung sich selbst gegenüber zu überdenken.

Solche Tage sind spannend. Solche Tage wie heute, an denen ich nicht weiß, was aus der Konsequenz des gestrigen Tages gebastelt wurde. Ärgernis? Verweigerung? Frust? Vielleicht Einsicht und Verständnis? Ich kam auf Station, holte meine 5 Schüler ab und noch auf dem Weg erzählte mir der Schüler, dass ihm die Hausaufgaben fast zu leicht waren. Fragte mich, wie es mir geht und kommentierte meine Körpergröße mit ‚Ist doch nicht so schlimm, dass ich größer bin. Sie können das gut ab.‘ Als wir in der Klasse ankamen und ich die Schüler willkommen hieß, sprudelte es aus ungeduldig ihm heraus: ‚Frau Knixibix, die 5 Bingopunkte bitte. Ich glaub, ich schaff das heute!‘ Und für mich war das ein gutes Zeichen. Überrascht und erleichtert, angespornt durch seine Verantwortung, die er für heute mit in den Unterricht brachte.

Die Stunden vergingen, ‚unabsichtlich‘ wurde hier und da gepfiffen und die 5 Punkte waren bis kurz vor Schulschluss auf 2 geschrumpft. Und jetzt stand es an, ob er es schaffte, auch in der Spielerunde bereit zu sein, die Abmachung mitzutragen. Ein Rahmen, der weniger eng und oft überraschend sein kann. In dem  gewohntes, unerwünschtes Verhalten auf den Vormarsch drängt und Regeln brechen kann. Hat es heute aber nicht. Kein Pfiff, kein Versuch, nicht der Ansatz von Überprüfung meines polierten Spiegels.

Bis es punkt Schulschluss war. Der Schüler auf die Uhr blickte und ein Kinderlied anfing zu pfeifen. Schulterzuckend und lächelnd. Bis wir dann alle einstimmten und schließlich laut pfeifend die Klasse verließen. Der Schultag war geschafft. ‚War ein bisschen anstrengend, aber auch schön! Und morgen bitte wieder.‘

Konsequent dem Guten zugewandt.

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