Und Charlotte ist mein kleiner Engel. Mein kleiner Engel, der dann in die Klasse kommt, wenn es gar nicht mehr geht mit Schule und Aufgaben und Unterricht. Wenn die Seele so viel Gutes braucht, dass jemand gefragt ist, der versteht, ohne zu fragen. Der schaut, ohne zu gucken und der tröstet, ohne zu beschämen. Charlotte kann das gut. Sie kann das so gut, weil sie eine Schnecke ist. Eine weiche sogar, eine kuschelige Schnecke mit Häuschen auf dem Rücken und ohne Zähne. Charlotte steht auf aus ihrem Schlaf, wenn ein sehr junger Schüler in meine Klasse kommt, der einen normalen Unterricht nicht aushalten kann. Der ganz arg wütend wird, wenn er eine Aufgabe nicht kann, der nicht still sitzen kann und mag. Ein Schüler, der schon zu viel auf seiner kleinen Seele trägt, das ihn so anders macht als andere Kinder. Und so besonders.

Charlotte sitzt dann auf meiner Hand. Sie redet nur mit mir, indem sie mir ins Ohr flüstert, sie schaut den Schüler an und gähnt ganz viel. Sie mag gestreichelt werden und auch manchmal doll geküsst und umarmt. Immer dann, wenn ein Schüler selbst ganz viel davon braucht. Und das bestimme nicht ich, sondern die kleine Person, die vor mir steht und Charlotte als Zauberwesen annimmt und sich ganz in das Spiel hinein gibt. Die kleine Schnecke wird zum Sprachrohr, zur Anlaufstelle für Gefühle. Manchmal auch für blöde Gefühle. Dann wird sie sogar gehasst und beschimpft.

Ich erinnere mich an einen Schüler, der zu mir in die Klasse kam und ganz wenig bereit war, sich auf einen Unterricht einzulassen. Sieben Jahre war er alt. Und in den sieben Jahren hat er schon so viel erlebt, schon so viel gezockt und so viel Schläge bekommen, dass er zunächst zu uns kam, um dann von dort aus in eine Einrichtung, weg von zu Hause zu gehen. Er kam zu mir in die Klasse und lernte dort Charlotte kennen. Der Junge zeigte sich begabt in der Wiedergabe von z.B. Bushido’s Zeilen. Konnte mich und andere beschimpfen, dass auch mir mal kurz die Ohren sausten. Aber Charlotte machte das nichts aus. Sie konnte das tragen. Und das war wohl der Punkt, an dem der Junge sich ein Herz fasste und Charlotte dort fest einschloss. Er war begeistert von ihren Augen, von ihrer ruhigen Art und von ihrem Verständnis. ‚Hier kann ich auch mal scheiße sein und du magst mich immer noch, mein Schneckchen.‘ Zum Geburtstag, den er auf Station verbrachte, schrieb Charlotte ihm eine Karte mit einem Foto von sich. Das machte ihn so glücklich, dass er die Karte fortan immer mitnahm und bei einer Blutentnahme einmal sagte: ‚Hier Charlotte, jetzt kannst Du mal sehen, was ich alles durchmachen muss. Das ist nicht leicht.‘

Charlotte ist seitdem ein fester Begriff. Jeder Betreuer und sogar der Chefarzt kennt die kleine Schnecke, die manchem kleinen Kind das Herzchen leichter gemacht hat. Und das macht sie ganz von selbst. Ich stecke meine Hand in die Puppe, schaue was das Kind mir gibt und lasse beide die gemeinsame Geschichte beginnen.

Und wie sie beginnt, so endet sie immer. Für den kleinen Schüler hieß es nach 3 Wochen Abschied nehmen. Er drängte mit glücklichen Augen darauf, ein Foto mit Charlotte machen zu dürfen. Damit er ein Foto hat. Ein Foto mit einer schönen Erinnerung im neuen Zuhause, einem Wohnheim für Kinder. Als er sich dann von mir verabschiedete, drückte er mir fest die Hand, Charlotte einen dicken Kuss auf die beiden Fühler und flüsterte mir abschliessend ins Ohr: ‚Wissen Sie, Frau Knixibix, ich finde es sehr schade, dass man Schnecken nicht heiraten kann.‘

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