Und Blümchen sind ganz wichtig. Blümchen für die Dame, Blümchen zum Geburtstag, ein Blümchen für die Freude. Und Blümchen gibt es auch bei mir, jeden Tag. Sogar sehr viele. Meine Blümchen sind nicht echt, sie wachsen auf keiner Wiese, werden von keinem Gärtner gepflanzt. Meine Blümchen gibt es, wenn jemand etwas gut gemacht hat. Als Dankeschön, als Anerkennung, als Aufmunterung zum Weitermachen. Gestempelt. Das tut vielen gut. Sogar den meisten.

Wenn ich einem neuen Schüler unter seine erste Aufgabe ein Blümchen stempele, blicke ich ihn dabei an und schmunzle. Besonders dann, wenn der Schüler 17 ist. Erklärend füge ich hinzu, dass ich dies als Anerkennung setze und es mir egal ist, welchen Alters oder welcher Schulherkunft er ist. Ich will das loben. Und nichts ist einfacher als das, was in frühen Kindertagen die Augen leuchten und das Herzchen schneller schlagen liess: ein Lob der Person, für die man etwas macht. In dem Fall für mich. Für mich, weil ich es an erster Stelle bin, die stellvertretend für die Gesellschaft die Teilhabe einfordert, einfordern muss. Die Teilhabe am normalen Alltag, an Schule und ihre Regeln. Am Dabeisein im Leben, hinter verschlossenen Türen. Diese besondere Situation in einer Krankenhausklasse unterrichtet zu werden, bedarf bei jedem Schüler einer direkten Auseinandersetzung mit seiner aktuellen Lebenslage: Will ich jetzt hier Schule machen? Ich bin doch krank, ich hab doch riesige Probleme! Wie soll ich mich denn hier auf so was einlassen, wenn ich doch gestern erst hier ankam und warum stempelt mir die neue Lehrerin jetzt ein Blümchen aufs Arbeitsblatt? So in etwa lese ich die Blicke der älteren Schüler, unbeeindruckt dessen stempele ich fleißig weiter unter jedes gut erledigte Arbeitsblatt, unter jede erledigte Hausaufgabe. Bis sich die Blume letztendlich institutionalisiert hat und es völlig normal scheint, sich das Lob in Form eines roten Blümchens bei mir abzuholen. Ohne danach zu fragen oder diskutieren zu müssen. Keine großen Worte, interessiertes Durchlesen und einmal die kleine Vorrichtung ins Kissen gedrückt – schon ist die Aufgabe erledigt, geht es weiter zu nächsten. Ist die Teilhabe an der Gesellschaft fast schon wieder eine Freude.

Die Selbstverständlichkeit, die ich durch mein hartnäckiges Blümchenloben an die Schüler herantrage, wandelt sich meist um. In die Selbstverständlichkeit, etwas tun zu wollen, binomische Formeln zu wiederholen, das perfect progressive aufzufrischen und die Rechtschreibung zu überdenken. Den Schultag zu bewältigen, obschon sich ein Berg an Problemen mit in den Klassenraum schleicht und den einen oder anderen Schüler packt und kurzzeitig ablenkt. Dinge werden thematisiert, kurz angesprochen und am liebsten wieder in die Hosentasche gepackt. Aber da passen sie oft leider nicht rein. Weil sie zu groß sind. Und was das mit meinen Blümchen zu tun hat? Zumindest so viel, dass jeder Schüler sich durch jedes einzelne Blümchen meine Anerkennung abholt und fast schon einfordert. Ein Zeichen dafür, dass trotz Unterbrechungen und Ablenkungen, Unlust und Nullbock  während des Schulvormittags doch vieles gut war und vielleicht auch gut wird.

Und heute gab es den Schüler, der sich vor ein paar Tagen anfangs recht mühsam an die Arbeit machte. Wenig motiviert und abgelenkt durch Gedanken und Unruhe. Sich aber hinsetzte und seine Aufgaben bearbeitete. Viele Schnaufer, einige Pausen, kleine Unterhaltungen mit dem Sitznachbarn. Und letztendlich eine kleine Blume gestempelt. Weil er es geschafft hat. Das erste Blatt erledigt, das erste Lob erhalten. Dieser eine Schüler wurde heute entlassen. Er verabschiedete sich heute von mir und der Klasse, weil er wieder in die Heimatschule gehen darf und sagte: ‚Sie, auf eins können Sie sich verlassen: Ihre Blumen nehm‘ ich mit. Die sind viel schöner als jede Note.‘

Und ich will ihm recht geben.

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