Und so was lernt man nicht. So was, das heute meinen Tag von Beginn an auf den Kopf gestellt hat. So was, das meine Kraft dermaßen benötigt hat, dass ich jetzt platt bin. Und ins Bett will. Wobei dieser Tag für ein Mädchen meiner Klasse sicher der schlimmste Tag in ihrem traurigen Leben ist. Das 13jährige Mädchen, das vor 2 Wochen auf Station kam, weil sie sich komatös gesoffen hat. 2,3 Promille ist in dem Alter lebensgefährlich. Ein Statement des Mädchens, das aufrütteln sollte, das ihr helfen sollte, ihr junges Leben auf einen richtigen Weg zu bringen.

Derweil sie bei uns auf Station ist, gibt es viele Gespräche. Sie wird wohl von zuhause weg gehen müssen, in eine Einrichtung, die sie im Erwachsenwerden professionell unterstützen kann. Ihre Eltern schaffen das derzeit nicht. Mutter und Vater sind selbst psychisch erkrankt, so dass sie ihre eigenen Kräfte brauchen, um sich selber über Wasser halten zu können. Der Vater hielt seiner Erkrankung und den schwierigen Lebensumständen nicht stand. Er erhängte sich heute früh.

Das wurde mir mitgeteilt, als ich die Patienten gerade in den Unterricht abholen wollte. Im Stationszimmer. Das braucht ein paar Weilen, um erst die eigenen Gedanken zu ordnen, dann an das Mädchen zu denken und schließlich spontan die Gefühle zu halten, damit der Einstieg in den Schultag normal geschehen kann. Weil es von den Schülern noch niemand weiß.

Ich sammele also alle 7 Schüler ein. Gehe wie auf nasser Watte zur Schleusentür, höre meine Stimme unwirklich sprechen. Bemühe mich, normal zu sein. Ich weiß, dass in den nächsten 45 Minuten der Oberarzt kommen wird und das Mädchen aus der Klasse holt, um ihr das Geschehnis zu erzählen. Mir ist schlecht. Das Mädchen erzählt, dass es recht müde ist, aber gut gelaunt. Sie freut sich auf den Schultag. Gibt mir ihre Hausaufgaben, fordert neues Schulmaterial ein. Das bekommt sie von mir. Mein Herz rast. Will davon rasen. Die 6 anderen Schüler machen fleißig ihre Aufgaben, dann klopft es an der Tür. Von nun an fehlt das Mädchen. Oft werden Schüler aus dem Unterricht geholt, um Gespräche mit Ärzten zu führen, zum EKG zu gehen oder Blut abgenommen zu bekommen. Daher fragt niemand. Meine Gedanken sind bei dem Mädchen. Komisch, wie man funktionieren kann. Komisch.

Es klopft wieder an der Tür. Ich bin überrascht, denn der Oberarzt kommt mit einer Erzieherin herein und setzt sich zu uns an den Tisch. Und erzählt, warum das Mädchen heute nicht mehr in die Klasse kommt. Er findet passende Worte, so passend, dass alle erkrankten Schüler sofort verstehen, was da gerade geschehen ist. Er bittet um Rücksichtnahme, um Aufmunterung, um Verständnis. Er betont, dass trotz dieser Ausnahmesituation jeder Patient weiterhin gleich wichtig ist und in seinem Problem angenommen bleibt. Dass keiner die Verantwortung dafür trägt. Dass es gut ist, dass das Mädchen gerade bei uns auf Station ist. Und dann geht er. Nimmt die Erzieherin mit. Und wir bleiben zurück.

Zurück in einem völlig neuen Tag. Zurück in unseren Schulangelegenheiten, die weiter weg nicht sein können. Es ist so unsagbar traurig still in der kleinen Klasse. Wir halten das aus. Und schauen uns an. Der alkoholkranke Schüler, die Schülerin mit Borderline, die Schülerin, die wegen Drogenproblemen da ist. Die Schülerin, die damit droht, sich umzubringen, eine andere Schülerin, die wegen Mobbing zusammengebrochen war und die Schülerin, die weg von ihrer Mutter muss, weil die beiden ärgste Schwierigkeiten miteinander haben. Und ich als Lehrerin. Als Lehrerin, die einen solchen Moment noch nie erlebt hat und sich fragt: ‚Ja und jetzt?‘ Wie fange ich das auf? Was sage ich jetzt? Wie bekomme ich mein Wirrwarr unter Kontrolle? Wie reagieren die Schüler? Was kann jetzt helfen? Ja, und jetzt?

Das sind Herzmomente. Die machen spürbar, was jeder Einzelne gerade am besten braucht. Davon lasse ich mich lenken. Lasse mich auf die intuitiven Ideen ein, die mir in den Sinn kommen. Lasse einfach laufen, so wie es die Schüler in ihrer Art ganz heimlich, fast unbemerkt signalisieren. Und es klappt. Die einen fangen langsam an zu arbeiten. Die anderen malen Kondolenzbilder. Suchen im Internet nach passenden Beileidsbekundungen für ihre Mitpatientin und entschliessen sich, doch eigene Worte zu finden. Das fasziniert mich sehr. Wie sich die schwer erkrankten Schüler selbst wieder in die Bahn rücken. Wissend, welche Ressourcen sie am besten nutzen, um durch den Schulvormittag zu kommen. Sich Pausen zu setzen zum Nachdenken, zum Miteinander reden. Da muss ich nicht viel tun. Und das tut unendlich gut.

Jetzt bin ich also einen Schritt weiter. Habe diese Erfahrung heute mit Herz, Verstand und Körper erlebt. Es fühlt sich an, wie ein Halbmarathon. Ohne Endorphine. Niemand kann sagen, was das Beste ist in solcher Situation. Und ich kann es auch nicht. Da muss man durch. Und das ist schwierig.

Weil so was lernt man nicht.

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