Und gruselig ist es manchmal bei mir im Job. So gruselig, dass ich die Vorstellungen und Gedanken mit nach Hause nehme und nach Antworten suche, die ich nicht finden werde. In der heutigen Übergabe vor Unterrichtsbeginn bekam ich mitgeteilt, dass eine Patientin wieder zurück auf Station gekommen ist und nun auch erst mal eine Weile bleibt. Sie hat eine Borderline-Störung, verletzt sich derart massiv an allen Körperteilen, dass sie für eine Weile nicht mehr ohne ständige Aufsicht leben darf. Die Selbstverletzungen gehen so weit, dass sie sich mit scharfen und stumpfen Gegenständen tiefe Wunden zufügt, die dann ausschabt und Gegenstände darin platziert. Mit einer Nähnadel und Garn näht sie sich die Wunden dann selbst wieder zu. Dass sich das entzündet und medizinische Vollversorgung bedarf, erwähne ich aus Logikgründen nur am Rande.

Aktuell fügte sie sich vor Aufnahme im Krankenhaus eine tiefe Schnittwunde am Hals zu, ebenfalls eigen zugenäht und wie alles andere auch als normal empfunden. Das große Pflaster am Hals lässt kaum erkennen, was sich dahinter verbirgt. Auch die Schülerin selbst macht am ersten, heutigen Tag in der Klasse einen ruhigen Eindruck, beteiligt sich gut und motiviert am Unterricht und bereichert unser Wissen durch ihre Wortbeiträge. Hin und wieder muss sie bei schriftlichen Arbeiten eine kleine Pause einlegen, weil sie Schmerzen am Unterarm bekommt. Ob das mit dem Umfang der Aufgabe zusammenläge beantwortet sie mit: ‚Nein, nein. Überhaupt nicht. Mir tun die Narben weh, die da sind. Mehr erzähle ich Ihnen nicht, sonst wird Ihnen schlecht.‘ Und das glaube ich ihr aufs Wort. Als Lehrerin mit dem Anspruch umgehen zu müssen, den Schülern einen konkreten, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Schulalltag zu bieten ist in so einem Fall auch möglich. Bedarf aber einer zusätzlichen Menge Konzentration und Aufmerksamkeit. Neben den Belangen, Fragen, Wünschen, Anregungen der anderen 7 Schüler mit Krankheitsgeschichte muss ich an solchen Tagen wie heute besonders aufpassen: kein Kugelschreiber, kein Lineal, spitzen nur unter Aufsicht, Schere noch nicht mal in die Nähe der Schülerin lassen, keine Materialien untereinander austauschen. Mit Argusaugen darauf achten, dass sie nichts entwenden kann, womit sie sich auf Station selbst verletzen könnte. Und natürlich Schule machen mit dem Wissen, dass sich hinter all den jungen Menschen, die mit am Tisch sitzen, traurige, sonderbare, eigene Geschichten häufen, die jede für sich ein gutes Ohr und großes Herz bedürfen.

Und gruselig. Zm Glück sehr selten.

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