Und selber schlucken müssen muss ich montags manchmal. Keine Tabletten und medizinischen Säfte, die die Stimmung aufhellen, das Temperament begrenzen oder konzentriert machen. Sondern Situationen, die sehr nahe gehen und traurig machen. Alles Verständnis der Welt in einen kleinen Raum kommen lassen, um der Person Mitgefühl zu zeigen und Wohlwollen.

Montags komme ich aus meinem Wochenende. Das habe ich selbstbestimmt und meist fröhlich gelebt. Viel unternommen, alleine gewesen, verreist oder mit Freunden gekocht und ausgeschlafen. Definitiv mit Lachen und Leben. Montags komme ich morgens auf Station und starte in die Arbeitswoche, indem ich mit in die Chefarztvisite gehe und von Zimmer zu Zimmer gehe und als Lehrerin berichte, wie sich der eine oder andere Schüler bisher in meiner Klasse gegeben, bemüht, entwickelt hat. Meist kann ich Gutes berichten, das stärkt die Jungen und Mädchen, wenn sie vor einer Mannschaft aus 8 und mehr Leuten, teils in weißen Kitteln, gelobt und ermutigt werden. Sie wachsen dann sichtbar und zucken ein wenig um den Mund herum. Ich glaube, diese Freude fühlt sich warm an, wie eine warme Feder, die durch den Bauch schwebt. So ungefähr. Und das haben sich alle dann auch so verdient. Verdienen müssen. Sie meistern das gut.

In der Visite wird viel perspektivisch mit den Patienten gesprochen, manchmal kurz und knapp. Meist aber ausführlich und eindringlich. Mit sanften Worten, mit provozierenden Worten. Immer Worte, die durch Mark und Bein gehen und Spuren hinterlassen. Einige sind erleichtert, wenn wir den Raum verlassen, andere freuen sich über Aufmerksamkeit, Mutmachen und Lob. Und wieder andere zeigen dann plötzlich ihr tiefes Traurigsein. So war das heute. Bei einem meiner Schüler. Er kann nicht mehr bei seiner Mutter leben, weil sie selber schwer drogenabhängig ist. Sie ist nicht in der Lage, sein Leben in den Griff zu bekommen, ihn zur Schule zu schicken, genug Essen zu geben und ihm Kleidung zu kaufen. Der Junge lebte eine Zeit lang im Obdachlosenheim, schwierige Verhältnisse für jemanden in seinem Alter. Eigentlich sollte man draussen sein, mit Freunden chillen, zocken oder Fussball spielen. Das tat er nicht. Er verkaufte sich an ältere Männer. Den Rest spare ich an dieser Stelle aus.

Traurig stand er heute da. Seine Haltung geknickt und seine Stimme belegt und leise. Ein armer Kerl allein vom Anblick her. Im Gespräch platzte es dann aus ihm heraus: ‚Ich will nach Hause, bitte. Zu meiner Mama. Ich weiß, dass das nicht geht. Aber ich will ihr helfen.‘ Und weinte. Vor uns Erwachsenen, vor sich und vor seinem Alleinsein, das im Raum steht. Er wird dort nicht mehr hin gehen, wird von seiner Mutter nicht mehr erzogen werden. Er weiß das und kennt seine Aussichten. Aber es war ihm das Herz so schwer heute, dass er es uns sagen wollte. Seine Bindung an seine Mutter nicht verlieren möchte und für sie sorgen will.  So was ist schwer für alle, die mit im Raum sind.  Schwer zu ertragen und schwer abzuschütteln, wenn man noch den ganzen Schul- bzw. Arbeitstag vor sich hat. Das gilt sowohl für ihn als auch für uns Erwachsene. Der Oberarzt fand wohlwollende Worte und zollte ihm seinen Respekt und das macht er nicht oft. Für den Jungen geht’s weiter. Erst mal auf Station und in meiner Klasse, dann bald auch woanders. Im ‚richtigen‘ Leben.

Mein Montag ist nicht immer so. Mein Schulmontag endet meist fröhlich. Aber erstmal: raus gehen aus dem Zimmer. Die Sachen im Kopf. Die schwierigen Leben vor Augen.

Und selber schlucken müssen.

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