Und was bleibt ihm anderes übrig, dem neuen Schüler in meiner Klasse. Seine Geschichte ist eine, die er allein wohl nicht lebt. Viele Jugendliche sehen sich in dieser Lage, dieser Aussenseiterlage in unserer Gesellschaft. Und das ist eine sehr traurige, wenig Hoffnung schenkende Lage, in der kein Mensch stecken möchte. Ein Schüler, der also heute neu in meine Klasse gekommen ist, mir übergeben als außerordentlich schwieriger Schüler. Verwiesen von einer Förderschule mit Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung (ehemals Schule für Schwererziehbare), weil er dort nicht mehr tragbar war nach Klasse 6. Er schlug MitschülerInnen und Lehrerinnen, zerstörte Inventar und stellte allen Unterricht auf den Kopf. Verwiesen von der Schule bedeutet das, alleine zu sein. Kinder in seinem Alter sind vormittags nur auf dem Schulhof  ‚verfügbar‘ – was tun? Zuhause kümmert sich niemand. Es interessiert sich auch niemand für ihn. Da liegt es doch nahe, sich mit außerordentlichen Dingen Aufmerksamkeit zu verschaffen. So viel Aufmerksamkeit, dass sein Strafregister immerhin 40 Sozialstunden und 1 Jahr auf Bewährung umfasst. Wegen schwerer Körperverletzung, Diebstahl, Raubüberfall. Um das auszuhalten trinkt er viel Alkohol, kifft von Früh bis Spät und zieht durch die Straßen und ist dort bei seinen Freunden aufgehoben. Spürt sich am Leben und vergiftet sich, um sein Leben nur durch Filter spüren zu müssen. Mit 14.

Er sitzt also bei mir in der Klasse, ein hagerer Junge mit kindlichem Gesicht. Seine Sommersprossen zeugen von Lebenswille und Aufgewecktheit. Seine Augen blitzen und er ist erst gar nicht damit einverstanden, zu mir in die Schule zu gehen. Und wie es dann kommt, so kommt es doch meist gut: er entdeckt, dass er in der kleinen Klasse Aufmerksamkeit bekommt, für das, was er gut macht. Worin er zeigt, dass sein Interesse am Lernen und am Miteinander in altersentsprechender Art gern gesehen ist und er auch für heitere Momente sorgen kann. Solche Schüler machen Freude. Ich entdecke mit ihnen ein ganz neues Land, das ich so gerne ‚Ichkannjadochlernenland‘ nenne. Und bei den Schülern und Schülerinnen für ein breites Grinsen sorge. Wir lernen zusammen, wir lachen zusammen, wir erzählen uns Dinge aus dem Alltag und blicken auch ab und zu in die Zukunft. Heute war das Thema einer Schülerin ‚Wenn ich 18 bin, ist alles gut‘. Sie wechselt demnächst in eine geschlossene Intensivgruppe, hofft auf einen Neustart und die Fortsetzung ihrer guten schulischen Leistungen in meiner Klasse. Nachdem sie gut ein Jahr nicht mehr in der Schule war. Offenmundig lauscht der neue Schüler diesen Zukunftsträumerein, sagt lange nichts.

Und als wir dann schon weiter sind, der eine macht Englisch, die andere ein Kunstprojekt, ein weiterer knuspert an Termen, sagt er leise, aber doch gut hörbar: ‚Wenn ich 18 bin, dann geh ich weg von meiner Mutter. Und ich werde ihr nicht helfen, wenn sie es nötig hat. Schließlich bin ich hier im Dreck, weil sie mir auch nie irgendwas geholfen hat. Die will mich nicht.‘

Und was bleibt ihm anderes übrig?

Advertisements